Spiegelgefecht

Im Fratzenbuch hat jemand auf einen Artikel auf Zeit.de verwiesen und hat dazu folgenden Text gestellt:

»Was ist das für eine Gesellschaft, in der ernsthaft von Menschen erwartet wird, die Krise im Job über die akute Krise im Privaten zu stellen? Jeder ist im Job ersetzbar, wenn er kompetente Kollegen und ein funktionierendes Team hat. Bricht der Laden zusammen, nur weil einer ausfällt, ist der Laden nicht gut geführt.«

»Es gibt Situationen, in denen Menschen wirklich unersetzlich sind, nämlich im Privatleben. In Notlagen ist man als Partnerin, als Elternteil, als Freund, als Sohn, als Tochter eben nicht austauschbar.«

Genau so würde ich das unterschreiben!

Mein Kommentar dort dazu:

Tja… kann man auch ganz anders sehen.

Wer ›A‹ sagt, muss auch ›B‹ sagen. Und wer in einer solchen Position ist, kann sich nicht verdrücken, wenn eine solche Katastrophe herrscht.

Und auch für Familien gilt der oben so schön als Rechtfertigung verwendete Satz:
»Bricht der Laden zusammen, nur weil einer ausfällt, ist der Laden nicht gut geführt.« – und wenn es in der Familie »knirscht«, dann schleicht sich sowas über lange Zeit an und ist nicht eine plötzliche Katastrophe, wie eine Überschwemmung. Ich bin das dritte Mal verheiratet und weiß das ein klein wenig… Und wenn die Familienprobleme dann (in einer Extremsituation, wie der im Ahrtal) nicht auch noch ein paar Wochen warten können, weil eine SOLCHE Katastrophe den vollen Einsatz des Führungspersonals erfordert, dann ist es sowieso egal bzw. zu spät…

Gegen ein paar Tage »Verschnaufen« hätte wahrscheinlich keiner ein Wort verloren, aber sich 4 wochen verpissen und »fünfe grade sein lassen« ist einer Ministerin unwürdig – dann muss sie sich zurecht dauerhaft verpissen. Hat was mit Berufsethos zu tun… schon mal gehört?

Ist genau so, als wenn ein Feuerwehrmann auf seinem freien Tag beharrt, obwohl nebenan ein Großbrand ausgebrochen ist oder ein Notarzt, der auf seiner Pause besteht, obwohl gerade ein Reisebus verunglückt ist…

Im Artikel auf Zeit.de wird völlig zurecht kritisiert, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhälnisse solch harte Einstellung hervorgebracht haben und dass es an der Zeit wäre, diese zu diskutieren. Dem stimme ich zu und mein Blog ist voll von derartiger Kritik.

Aber wie im Artikel gleich zu Beginn angemerkt wurde, hat die Frau Ministerin gelogen und das allein rechtfertige den Rücktritt. Leider hat sich Frau Liere dann im weiteren Verlauf mit keinem Wort mehr darauf bezogen, sondern die Gesellschaftskritik war der eigentlich Inhalt des Artikels.

Die Ministerin hat aber nicht nur gelogen. Sie hat außerdem durch ihre Kommunikation, die leider öffentlich wurde, gezeigt, dass ihr das eigene Image wichtiger ist als konkretes Handeln. Das hat im Artikel leider gar keine Erwähnung gefunden und ist jedoch genau das Kriterium, weshalb solche Personen nicht in solche Ämter gehören – wie sie auch als Feuerwehrmänner oder als Notärztinnen ungeeignet wären.

Es ist eben nicht egal, ob man Ministerin oder Verkäuferin ist. Die Anforderungen sind andere. Und das wäre auch so, wenn wir eine bessere, gleichberechtigtere Gesellschaft wären und ein menschenfreundlicheres Wirtschaftssystem hätten.

Bei allem Verständnis für Gesellschaftskritik – mit der läuft man bei mir offene Türen ein – dieser Artikel legt im konkreten Fall den Finger in die falsche Wunde und kritisiert die Kritiker der Ministerin, sie seien von der menschenverachtenden Gesellschaft geprägt und nun in ihrer Kritik selbst menschenverachtend.

Damit steht Frau Liere nun aber leider auf der falschen Seite – wie es vielen Schreiberlingen andauernd passiert: Es scheint ihnen der Kompass durcheinandergeraten, weil sie selbst ihrer Prägung durch die Gesellschaft erliegen. Ich hatte das bereits früher thematisiert: »Die Schreiberlinge stehen auf der falschen Seite«.

Um Dr. Hannibal Lecter zu zitieren: »Was ist es in sich selbst?«

Statt die Kritiker zu kritisieren, hätte der Artikel konkreter das Fehlverhalten der Ministerin herausarbeiten können und klarer bewerten sollen, weshalb eben an die Berufsehre einer Ministerin strengere Maßstäbe angelegt werden als an einen »normalen Arbeitnehmer« – wie eben auch bei einem Feuerwehrmann oder einer Notärztin ein klareres Verantwortungsbewusstsein vorausgesetzt werden darf als beispielsweise bei einem Lagerarbeiter, einem Zeitungsboten oder einer Verkäuferin.

Viele Grüße
Detlef Jahn

Weitere Artikel mit Bezug auf »Die Schreiberlinge stehen auf der falschen Seite«:
»Ist Ablaßhandel die Lösung?«

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2 Gedanken zu „Spiegelgefecht“

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