Eine Replik auf: Überall nur Schwarzarbeiter

Sehr geehrter Herr Schäfer,

zuerst möchte ich mich herzlich bedanken, dass sie ihre Meinung zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) geäußert haben, weil mir das Gelegenheit gibt, darauf zu antworten.

Ich werde mich auf folgende Veröffentlichung in der Sächsischen Zeitung vom 18.2.2017 beziehen: http://www.sz-online.de/nachrichten/kultur/ueberall-nur-schwarzarbeiter-3615989.html

»Wären wir mit einem Grundeinkommen tatsächlich glücklicher und freier?«

Zuerst sollte man darüber sprechen, was Freiheit und Glück bedeuten. Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu können, ob man den einen oder einen anderen Weg gehen möchte.

In der heutigen Situation ist diese Freiheit den meisten Menschen nicht gegeben, denn sie sind nicht frei, zu wählen, auf welche Weise sie ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen. Durch das aggressive System der »Aktivierung« durch die Agentur für Arbeit und durch die Notwendigkeit, durch bezahlte Erwerbsarbeit den Lebensunterhalt »verdienen« zu müssen, ergibt sich der Zwang, Arbeiten verrichten zu müssen, die man freiwillig nicht machen würde. Zum Beispiel, weil sie schlecht bezahlt werden, weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind oder weil sie nicht als sinnvoll angesehen wird.

Deshalb gibt es viele Arbeitszombies, die vor sich hin arbeiten, obwohl sie längst innerlich gekündigt haben. Deshalb gibt es steigende Raten von stressbedingten Erkrankungen. Hinzu kommt, dass Arbeiten, die als wertvoll und notwendig angesehen werden, selten ordentlich bezahlt und gesellschaftlich anerkannt sind.

Und das sind keine Anzeichen von Glück.

Ich zitiere aus meinem Blog:
»Mit einem BGE wäre die zentralste aller Ängste ausgeräumt: die Angst um die nackte Existenz, den Lebensunterhalt, das Dach über dem Kopf und die Kleidung, die Nahrung, die Teilhabemöglichkeit am gesellschaftlichen, am politischen und am kulturellen Leben. Die Befreiung, zuerst Mensch sein zu dürfen. Und mit dieser Grundlage sich dann einen Weg suchen zu können, sich die Anerkennung zu verschaffen, die einem die Befriedigung verschafft, ›etwas zu leisten‹. Ich kann mich weiterbilden, weil mein Lebensunterhalt gedeckt ist und ich also nicht meine gesamte Kraft und Zeit dafür aufbrauchen muss, die Miete und für das Kind die Teilnahme am Klassenausflug mit Übernachtung zu erarbeiten. Ich kann den Beruf wechseln, weil der jetzige nicht meinen Fähigkeiten entspricht, ohne dass ich mir Sorgen machen muss, ob ich ›meine Familie ernähren‹ kann. Ich kann Bedürftigen helfen, weil ich weiß, dass meine Bedürfnisse anerkannt und abgesichert sind.
Das ermöglicht einen großen Schritt in Richtung freier Selbstbestimmung. Das ist der Beginn von Freiheit. Das begründet das Entstehen tatsächlicher Menschenwürde. Freiheit ist nur dann möglich, wenn Menschen angstfrei leben können.« (http://unruheraum.de/2017/07/05/03-freiheit-und-angst-und-das-bge/)

»Die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens begründen ihre Forderung überwiegend mit den Arbeitsmarktwirkungen des technischen Fortschritts: Durch den Einsatz von Robotern, Automatisierung und Digitalisierung der Produktion gehe den Menschen die Arbeit aus. Zu Ende gedacht mündet diese Argumentation in einer menschenleeren Fabrik, deren Produktion alle Bedürfnisse abdeckt und die nur irgendwie umverteilt werden müsse. Die Befürchtung, dass technischer Fortschritt menschliche Arbeit überflüssig mache, ist mindestens so alt wie die industrielle Revolution.«

Hier zitiere ich wieder aus meinem Blog:
»Was waren schon immer die Ziele von Mechanisierung zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte? Weshalb ist das Rad erfunden worden und weshalb nutzt man die Kraft von Wasser, Dampf, Elektrizität, Hydraulik und Flaschenzug? Erstens, um sich zu entlasten von körperlich anstrengender und sogar gesundheitsgefährdender Arbeit und zweitens, um weniger Zeit für gleichen Arbeitserfolg zu investieren und drittens, um mehr Ertrag aus gleichem Kraft- und Zeitaufwand zu erzielen.
Nun ist es so, dass die Arbeitsproduktivität, also der Ausstoß an Arbeitsergebnis je Einheit Arbeitsaufwand (Zeit, Energie, Geld) immer weiter steigt und immer weniger Menschen nötig sind, um immer mehr Produkte für immer mehr Menschen herzustellen.« (http://unruheraum.de/2017/07/07/05-das-ende-der-illusion/)

Und weiter:
»Was passiert

  • mit den tausenden Taxi- und Lkw-Fahrern, Lokführern und Piloten, die von selbstfahrenden und -fliegenden Fahr- und Flugzeugen,
  • mit den hunderttausenden Call-Center-Mitarbeitern, die von sprachfähiger Kommunikationssoftware,
  • mit den hunderttausenden Fließbandarbeitern, die von Robotern, die per 3D-Druck Produkte automatisiert herstellen,
  • mit den zigtausenden Dachdeckern und Maurern,

die von Robotern arbeitslos gemacht werden?

Und das alles sind keine Fantastereien, die in irgend einem Roman stehen, sondern das sind bereits in aktiver praktischer Erprobung und teilweise bereits in aktiver Realisierung befindliche Beispiele, die innerhalb der nächsten zehn Jahre umfassende Realität sein werden. Da möchte ich mir gar nicht ausmalen, was da rein technisch in den nächsten zwanzig oder gar dreißig Jahren alles so möglich wird…!« (http://unruheraum.de/2017/08/25/replik-auf-bsirske-risiken-und-nebenwirkungen-einer-wohlklingenden-idee/)

»Arbeitssparender technischer Fortschritt führt dazu, dass das gleiche Produkt günstiger hergestellt werden kann. Aufgrund des geringeren Preises wird auch mehr davon konsumiert.«

Aber das ist nicht das Ziel »der Menschen«, sondern der Eigentümer der Produktionsmittel, der »Reichen«, weil sie ihren Reichtum vermehren, ihren Profit maximieren wollen.

Wenn die Menschen gefragt würden, ob sie mehr Geld anhäufen oder besser/ruhiger/friedlicher/sicherer leben wollen, würde die schlagende Mehrheit sich nicht für Geld, sondern für ein besseres Leben entscheiden.

»Und höhere Produktionsmengen brauchen wiederum mehr Arbeit als Produktionsfaktor.«

Ja, aber die Steigerungsraten sind gar nicht durch Menschenhand, sondern nur durch weiter steigende Mechanisierung und Automatisierung der Produktionsprozesse möglich gewesen.

»So werden durch technischen Fortschritt völlig neue Produkte und Dienstleistungen ermöglicht, zu deren Produktion menschliche Arbeit benötigt wird.«

Das verschweigt aber arglistig, dass der Anteil an menschlicher Arbeit am Gesamtproduktionsprozess schneller sinkt, als neue Menschenarbeit für neue Produkte benötigt wird. In Summe sinkt der Anteil der notwendigen menschlichen Arbeit.

Heute werden nur viele Dinge noch von Menschen erledigt, weil die Maschinen dafür noch zu teuer sind, die diese Arbeiten erledigen könnten und schon können.

Und solange es die Wahl gibt, zwischen einer teureren (aber vielleicht besseren) und einer billigeren Methode, wird der Entscheider sich für die billigere Variante entscheiden, weil es nicht um Qualität des Produktes oder gar um Menschlichkeit geht, sondern um Profit.

Das heute gewünschte Ergebnis von Produktion ist Geld und nicht Bedarfsdeckung.

Aber das ist nur noch ein kurzer Moment. Die Entwicklung neuer Technologien verläuft heute viel schneller, als noch vor wenigen Jahren und beschleunigt sich immer mehr. Deshalb ist es einfach unlogisch und unwahr, wenn behauptet wird, es wird trotz oder sogar wegen der »digitalen Revolution« neue und vor allem mehr bezahlte Erwerbsarbeitsplätze geben. Und auch Dienstleistungen können das nicht kompensieren.

»Dass die Forderung nach einem Grundeinkommen in einer Phase artikuliert wird, in der Rekordbeschäftigung und Fachkräftemangel den Diskurs prägen, zeigt, dass die Befürworter ihre eigene Begründung offenbar nicht allzu ernst nehmen.«

Ganz im Gegenteil. Wir BGE-Befürworter sehen und anerkennen, dass der eigentliche Zweck von Maschinen darin besteht, die Menschen von Arbeit zu entlasten und am Ende vielleicht ganz von ihr zu befreien.

»Der Rückblick auf 250 Jahre industrielle Automatisierung belegt, dass technischer Fortschritt nicht zu Massenarbeitslosigkeit führt, sondern zu Strukturwandel. Manche Qualifikationen werden weniger gebraucht oder gar obsolet, andere werden dagegen verstärkt benötigt. Mitunter ist der Strukturwandel schmerzhaft für die Verlierer, mitunter aber auch ein Segen. «

Das kann man so sehen, wenn man die Schäden vorsätzlich nicht berücksichtigt, die dabei verursacht wurden. In Summe muss man leider feststellen, dass letztlich die Vorteile nur für die Kolonialisten und Ausbeuter überwiegen, also uns, die wir in den sogenannten »hochentwickelten Industrieländern« leben.

Und der entscheidende Unterschied heute zu früheren Zeiten, der immer wieder unterschlagen wird, ist der, dass heute hierzulande kein Komfort und keine Versorgungssicherheit erst aufgebaut und dass keine Kriegsschäden erst beseitigt werden müssen.

Wir leben heute in Zeiten des Überflusses an beinahe allem, außer an Gerechtigkeit. Gerechtigkeit gegenüber den Bedürftigen hier bei uns, Gerechtigkeit gegenüber den Ländern, die wir bis heute ausbeuten, Gerechtigkeit gegenüber den Völkern, die wir durch Missionierung und Versklavung unterdrückt haben, denen wir das Land geraubt und deren eigene Wirtschaft wir zerstört haben und anhaltend immer weiter zerstören – für den Luxus, den wir nicht bereit sind zu teilen, im kleinen, wie im Großen.

»Demgegenüber steht das subsidiäre Prinzip unserer Gesellschaft, das auf dem Gedanken aufbaut, dass jeder zunächst einmal für sich selbst verantwortlich ist. Für diejenigen, die diese Verantwortung für sich selbst nicht tragen können, steht die Gesellschaft solidarisch ein.«

Und Grundlage dafür ist der Nachweis der Bedürftigkeit und deren Prüfung. Das ist soweit in sich logisch, führt aber leider zur Stigmatisierung und durch diese Stigmatisierung wird die Menschenwürde verletzt.

Das derzeitige System führt dazu, dass Menschen kein Rechtsanspruch gewährt, sondern misstraut wird, sie missbräuchten vorsätzlich die Solidarität der Gesellschaft.

Beides wäre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auf einen Schlag aus der Welt, denn erstens würde der Rechtsanspruch gewährt, ohne entwürdigende Nachweisführung und Kontrolle und zweitens käme die Solidarität tatsächlich auch wieder nur den Menschen zugute, die bedürftig sind, denn die anderen gehen ihrer Erwerbsarbeit nach und zahlen das nicht benötigte BGE über die Einkommensteuer wieder zurück.

Der entscheidende Unterschied ist, dass die entwürdigende Nachweispflicht und Kontrolle wegfällt.

»Als Gegenleistung schuldet der Empfänger von Fürsorgeleistungen lediglich das Bemühen, künftig ohne Hilfe auszukommen.«

Dass diese Formulierung nun gar nichts mit der Realität zu tun hat, ist Alltagswissen. Denn das Bemühen reicht nicht, wie man an der Praxis der Agentur für Arbeit und der ARGEn täglich und landesweit sehen kann.

Wer nicht nach der Pfeife des Bearbeiters tanzt, wird sanktioniert, wenn es sich einrichten lässt, bis auf Null.

Und wie Gerichtsurteile zeigen, sind 30 % der Bescheide falsch, was ganz klar ein Hinweis ist, dass das System ist und nicht Einzelfälle. Und es ist auch bereits geurteilt worden, dass die Sanktionierungspraxis Unrecht ist.

»Diese eher milde Form der Reziprozität wird zumeist als gerecht empfunden.«

Entschuldigung, dass ich laut lache. Das steht bestimmt in irgend einer Studie…

Aber eigentlich ist das nicht zum Lachen, sondern bitterböser Realitätsverlust.

»Das Grundeinkommen erhält dagegen jeder. […] Damit geht jedoch nicht mehr Freiheit einher. Frei ist, wer für sich selbst sorgen kann. Mit dem Grundeinkommen wird die Selbstverantwortung aller jedoch an einen ins Gigantische aufgeblähten Sozialstaat delegiert – und dadurch Abhängigkeit geschaffen. Ergebnis ist eine Gesellschaft, die am Tropf des Sozialstaats hängt, anstatt sich eigenverantwortlich und selbstbewusst zu entfalten.«

Das Gegenteil ist der Fall.

Das BGE ist die Grundlage, auf der jeder Einzelne sicher und fest stehen kann und die ihm ermöglicht,

  • sich zu bilden (lebenslang, wenn er das kann und will),
  • sich einen Beruf zu suchen, der ihm sinnvoll erscheint, der seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht,
  • eine Arbeit abzulehnen, die unwürdigen Arbeitsbedingungen unterliegt oder die zu schlecht bezahlt wird,
  • sich leichter selbständig zu machen,
  • neue Ideen zu probieren,
  • sich Bedürftigen zuzuwenden,
  • sich einzubringen, egal in welcher Form und in welchem Umfang und an welcher Stelle,

eben gerade weil er nicht um seine nackte Existenz fürchten muss.

Das BGE bietet ihm überhaupt erst die Möglichkeit, sich seine Träume und Wünsche tatsächlich selbst zu erarbeiten, weil er nicht seine ganze Energie für den nackten Arbeitskrafterhalt benötigt, weil er die Arbeitskraft benötigt, um überhaupt leben zu können und zu dürfen.

»Für besonders viele Diskussionen sorgt die Frage, ob mit dem Grundeinkommen überhaupt noch jemand arbeiten gehen würde. Die Befürworter argumentieren, dass es darauf gar nicht ankomme.«

Erstens ja, aber die Antwort steht schon einen Absatz darüber.

Zweitens nein. Diese Argumentation kann nicht »den Befürwortern« unterstellt werden, weil einige so argumentieren. Diese Pauschalunterstellung ist undifferenziert und unzulässig, weil sie ein falsches Bild suggeriert.

Und die bisherigen Zwischenergebnisse des Finnland-Versuches zeigen ebenfalls, dass genau die Gegner-Argumente zum Thema Arbeitswilligkeit falsch sind und keinerlei Realitätsbezug haben.

»Denn außer Erwerbsarbeit gebe es viele weitere Formen von Aktivität, die unverzichtbar zum Funktionieren unserer Gesellschaft seien – etwa Erziehung, Pflege, kulturelles oder soziales Engagement. Gegen solche Aktivitäten ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Die Frage lautet aber, inwieweit Erwerbstätige gezwungen werden sollten, solche Tätigkeiten zu finanzieren.«

Erziehung, Pflege, kulturelles und soziales Engagement sind die Dinge, die die Gesellschaft zusammenhalten und es überhaupt erst ermöglichen, dass bezahlte Erwerbsarbeit geleistet werden kann.

Wer soll all die tollen Produkte herstellen und Dienstleitungen erbringen, wenn keine Kinder großgezogen, Kranke gepflegt und Bildung weitergegeben wird?

All das ist gesamtgesellschaftliche Grundlage und deshalb von Allen gleichmäßig zu tragen – die Einen sind tätig und die Anderen bezahlen dafür.

Wo ist das Problem, das hier herbeigeredet wird?

»Wird eine Tätigkeit erwünscht und benötigt, dann existiert auch eine Zahlungsbereitschaft für die erbrachten Leistungen.«

Haben sie ihre Mutter bezahlt?

Schließlich hat sie eine »erwünschte und benötigte Tätigkeit« erbracht – sie hat Holger Schäfer großgezogen. Und wenn sie ihre Mutter nicht bezahlt haben: wer hat das dann getan? Und wenn ihre Mutter eine Bezahlung erhalten hat: war diese angemessen? Und wenn ihre Mutter keine Bezahlung erhalten hat: weshalb nicht?

Das BGE könnte man auch als Bezahlung für ebensolche Tätigkeit ansehen.

Wäre es nicht gerecht und angemessen und vor allem würdig, wenn ihre Mutter ihre schwere und langjährige Arbeit, den Holger auszutragen, ihn zu gebären, zu kleiden, zu nähren, zu beschützen, zu pflegen und zu bilden, direkt bezahlt bekommen hätte, statt irgendwann, fünfzig Jahre später und dann auch nur anteilig und zu einem lächerlich geringen Satz?

»Der Austausch kann, muss aber nicht auf dem Markt erfolgen.«

Weshalb nicht?

Weil kein Profit erwartbar ist, ist es nichts wert – weil ja nichts wert ist, was nichts kostet?

Wer soll es also tun, wenn es nicht bezahlt werden muss – und weshalb sollte man es tun, ohne Bezahlung?

Und wenn man es »aus Einsicht in die Notwendigkeit« tut, ohne Bezahlung – wovon soll man dann leben – von Wertschätzung oder von drangsalierungsbelasteten Almosen der Agentur für Arbeit oder der ARGE?

Nein, geht ja nicht. Wenn man sich vorgegebenen Pflichten widersetzt und stattdessen Arbeiten erledigen will, die notwendig wären, erfährt man die Härte des Gesetzes in Form von »Leistungskürzungen«, statt Wertschätzung.

Man bekommt die Lebensgrundlage entzogen, anstatt Wertschätzung zu erhalten.

»Wenn allerdings eine Leistungserbringung über den Staat organisiert wird, unterliegt sie gegenwärtig einer demokratischen legitimierten Kontrolle. Dies wird durch endlose Debatten bezeugt, die sich darum drehen, wie viel öffentliches Geld für soziale oder kulturelle Leistungen ausgegeben werden soll. Ein solches Mitspracherecht haben die Finanzierenden des Grundeinkommens nicht.«

Erstens: weshalb soll der Staat soziale Leistungen erbringen oder kulturelle? Schon das ist Unsinn. Der Staat soll Grundlagen, Infrastruktur schaffen und bereitstellen, die soziale Leistungen und kulturelle Arbeit ermöglichen. Soziale und kulturelle Leistungen werden immer von den Menschen erbracht, nicht vom Staat.

Zweitens: woher nehmen sie die Behauptung, dass ein BGE das Mitspracherecht verneint oder verhindert oder gar verbietet? Ich kann dafür keinen einzigen Beleg finden. Was soll das Eine mit dem Anderen zu tun haben?

Eine glatte Lüge, nichts weiter.

»Ein Mehr an Leistung und beruflichem Engagement dürfte sich damit [mit dem BGE] kaum noch lohnen – neben dem negativen Effekt auf das Arbeitskräfteangebot wird dadurch auch der Anreiz vermindert, in Innovation und Bildung zu investieren.«

Das Gegenteil ist der Fall. Wie ich in http://unruheraum.de/2017/07/04/02-was-wuerdest-du-tun/ dargestellt habe, und auch hier weiter oben, besteht durchaus ein großer Arbeitsanreiz.

Wie ich in http://unruheraum.de/2017/07/10/07-35-millionen-bessergestellte/ gezeigt habe, schadet auch eine hohe pauschale Einkommensteuer zur BGE-Finanzierung dem Arbeitsanreiz nicht, weil 35 Millionen Arbeiter und Angestellte mehr frei verfügbares Nettoeinkommen haben werden und nur 2,6 Millionen weniger. Und da sind die Menschen noch nicht berücksichtigt, die kein eigenes Erwerbsarbeitseinkommen haben.

Wie ich in http://unruheraum.de/2017/07/11/08-das-bge-als-freund-der-unternehmer/ argumentiert habe, bietet ein BGE auch für Unternehmer mehr Vorteile als Nachteile:
»Und was hat der Unternehmer davon? Der will ja Arbeit verrichten lassen – schließlich kann er ja nicht alles alleine machen. Der spart einerseits Personalkosten, wenn er klug handelt und bekommt andererseits zufriedenere Leute, die wahrscheinlich auch noch gern zur Arbeit kommen, weniger krank sind und bessere Qualität liefern – und das alles sogar freiwillig. Denn erstens bleiben die Faulen sowieso zu Hause und zweitens wird er für gute Arbeitsbedingungen sorgen, wenn er ein kluger Unternehmer ist. Sonst bleiben ihm nämlich auch die Fleißigen weg, denn sie müssen ja nicht…«

»Vor diesem Hintergrund sind auch die derzeit laufenden Feldversuche in Finnland und anderswo nur von überaus begrenztem Erkenntniswert. Denn bei diesen wird nur die Empfängerseite betrachtet, weil die Kosten des Feldversuches aus dem allgemeinen Staatshaushalt getragen werden. Ein echter Test des Grundeinkommens wäre es nur, wenn der Kreis der Begünstigten die Leistung auch komplett selbst finanzieren müsste.«

Tests sind aus anderen Gründen nicht sinnvoll, weil allein die Zeitbegrenzung die volle positive Entfaltung eines BGEs unmöglich macht.

Aber ihrer Argumentation ist entgegenzuhalten, dass man den Kreis der Testpersonen dann aber auch als repräsentativen Querschnitt der Gesamtbevölkerung anlegen müsste, also vom Reichsten bis zum Ärmsten, entsprechend der Gesamtverteilung. Erst dann wäre ihr Argument gültig, dass man für Realitätsnähe nicht nur die Auszahlung, sondern auch die Finanzierung innerhalb des Testpersonenkreises durchführen müsste. Und 2.000 Personen sind dafür auch viel zu niedrig angesetzt und zwei Jahre sowieso.

Ich wäre damit sehr einverstanden. 🙂

»Das Grundeinkommen wäre nur mit einer ans Absurde grenzenden Steuererhöhung finanzierbar, die selbstverständlich zu allerhand Ausweichreaktionen führen würde. Die Deutschen würden ein Volk von Schwarzarbeitern und Schmugglern werden, sodass es alsbald nichts mehr umzuverteilen geben wird.«

Dass diese Behauptung nicht mehr ist, als eine Behauptung, zeigen verschiedene Modelle, die belegen, dass ein BGE finanzierbar ist. Eine Möglichkeit zeige ich hier: http://unruheraum.de/2017/07/09/06-und-es-funktioniert-doch/

»Unser Sozialsystem garantiert, dass niemand hungern und unter einer Brücke schlafen muss.«

Das ist eine glatte Lüge, denn bereits viele Menschen sind durch die Praxis der Agentur für Arbeit und der ARGEn in der Obdachlosigkeit gelandet und viele Suizide sind auf die »Arbeitsmarktpolitik« zurückzuführen.

Und selbst wenn ihre Behauptung stimmen würde – weshalb stellen dann schon aus Beschämung viele Berechtigte ihre Anträge gar nicht erst?

»Es mag sein, dass es an manchen Stellen unvollkommen und verbesserungswürdig erscheint. Das mag uns Ansporn sein, die Probleme anzugehen.«

Eine alte und vor allem leere Wahlparole, die noch nie eingehalten wurde, solange sie existiert.

»Das Grundeinkommen aber würde unsere Gesellschaft umkrempeln.«

Das ist das Ziel, ja. Nämlich zum Besseren.

»„Schlechte Idee, zum Glück nicht umsetzbar“, das erscheint daher als die passendere Einschätzung.«

Die auf Fehlannahmen beruht und mit falschen Argumenten krampfhaft aufrecht erhalten werden soll.

Aber:

»Denn die Lüge wird nicht zur Wahrheit, weil sie sich ausbreitet und Anklang findet.« (Mahatma Gandhi)

Und:

»Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte: »Wo kämen wir hin?« und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.« (Kurt Marti, Schweizer Theologe und Schriftsteller)

Für weiterführende Informationen empfehle ich meinen eigenen Blog: http://www.unruheraum.de und die Website des Netzwerkes Grundeinkommen: http://www.grundeinkommen.de.

Ich bin sicher, dass sie dort Aufklärung finden werden.

Sehr geehrter Herr Schäfer,

als Chef-Volkswirt im Kompetenzfeld Arbeitsmarkt und Arbeitswelt beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V. kann man unterstellen, dass sie über eine gewisse Erfahrung in der politischen Diskussion verfügen und sehr genau wissen, was sie tun und sagen. Deshalb und weil ihre Argumente einer vernünftigen Prüfung nicht standhalten, muss ich leider schlussfolgern, dass ihre Äußerungen zum bedingungslosen Grundeinkommen gezielte, arglistige Propaganda sein sollen.

Sollten ich mich aber irren und sie guten Willens sein und ernsthaft und offen über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren wollen, stehe ich sehr gern für einen weiteren und gern auch ausführlicheren Dialog zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Detlef Jahn

4 Gedanken zu „Eine Replik auf: Überall nur Schwarzarbeiter“

  1. Hallo Detlef,

    schöne Replik, die zum Diskurs einlädt. Da ich natürlich immer noch in Sachen „Polemik“ auf der Lauer liege: diesmal eck ich nur bei den „Arbeitszombies“ an ;). Wie wär’s mit einem Verweis auf Gallup? (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gallup-studie-17-prozent-der-arbeitnehmer-haben-innerlich-gekuendigt-a-961667.html)

    Ich hatte mir ursprünglich noch ne Menge mehr geschrieben, aber eigentlich paraphrasiert das nur, was du ohnehin schon geschrieben hast. Man muss auch mal nur brav nicken und den Mund halten können 😉

    Viele Grüße,
    Ingo

    1. 🙂
      Danke.
      Aber die Zobies bleiben drin. Die gehören mir.
      Außerdem sind die nicht polemisch, sondern beschreiben sehr gut die Gefühlslage der Betroffenen.
      SO!

      Viele Grüße
      Detlef Jahn

      PS: ich habe die „Repkik“ mal geändert…
      daskonnteichmirjetztnichtverkneifen 🙂

    1. Herzlichen Dank für deine Frage.

      Zuerst finde ich es … schwierig, dass man für Gedanken, die auf 20 Seiten passen, 3 Euro bezahlen soll… gern würde ich das lesen und auch dazu Stellung beziehen und einen Kommentar abgeben, aber da sind mir die 3 Euro zuviel und meine Erwartung an die argumentative Qualität zu gering… Wenn ich den Text jedoch auf anderem Weg erhielte, würde ich mich dafür sehr interessieren.

      Ich möchte als Antwort auf deine Frage auf drei meiner bisherigen Artikel verweisen:
      »Was würdest Du tun…«, »Freiheit und Angst und das BGE« und »Faul« (Dumm, Faul und Gefräßig – Teil 2)

      Um es ganz kurz zu fassen:
      Ich halte ganz grundsätzlich die Befürchtung, dass wegen eines bedingungslosen Grundeinkommens jemand zu arbeiten oder zu lernen aufhört, für völlig unbegründet.

      Entweder er/sie ist grundätzlich Verweigerer/in und das dann meist aus ganz konkreten Gründen. Dann würde ein bGE daran nichts ändern – es sei denn, das bGE beseitigt ausgerechnet nun genau diese speziellen Gründe.

      Oder die Erwartungshaltung von heute und von außen (der Eltern/Nachbarn/Freunde) ist eine falsche und der/die Betroffene lernt und arbeitet dann mit einem bGE einfach nur aus anderen Gründen und auf andere Weise, als es uns heute normal erscheint und es unserer Erwartung entsprechen würde.
      Schon allein aus individueller Neugier heraus, kann ein Kind/Jugendlicher gar nicht nicht lernen.

      Die Fragestellung ist falsch.
      Es sollte gefragt werden, wie wir die Lernmöglichkeiten verbessern können, so dass das Individuum seinen Neigungen und seinen Möglichkeiten entsprechend lernen kann.
      Heute ist das ja gar nicht gewünscht, denn heute wird in den Bildungseinrichtungen nur Kanonenfutter-Nachschub für die Arbeitskraftverwertungsmaschinerie erzeugt.

      Es werden nur neue Sklaven gezüchtet.
      Vor (echter) Bildung hat ›das System‹ in Wahrheit Angst, wie der Teufel vor’m Weihwasser…

      Viele Grüße
      Detlef Jahn

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