»Diskriminierende Sprache«, »geschlechtergerechte Sprache«, Sprachfaschismus?

[Nachtrag/Ergänzung am 21.7.2020 unten angefügt]

Im Fratzenbuch gab es eine Diskussion zum Thema »diskriminierende Sprache«. Anlass war die angekündigte Umbenennung des U-Bahnhofes Mohrenstraße in Berlin – siehe dazu auch diesen Artikel in der »Berliner Morgenpost«. Auch in Bezug auf »geschlechtergerechte Sprache« kann man beinahe die selbe Diskussion führen: Welchen Sinn hat das? Oder auch – welche immer die wichtigste aller Fragen ist und deshalb die erste zu stellende: Wem nützt es?

Aus dem Artikel der Morgenpost:

»Der U-Bahnhof wurde 1908 eröffnet und trug in seiner Geschichte bereits die Namen Kaiserhof (1908-1950), Thälmannplatz (1950-1986) und Otto-Grotewohl-Straße (1986-1991). Die Mohrenstraße ist seit 1991 namensgebend. „Aus Verständnis und Respekt für die teils kontroverse Debatte um den Straßennamen hat die BVG sich nun entschieden, ihn nicht weiter für die Benennung des U-Bahnhofs zu verwenden. Als weltoffenes Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt lehnt die BVG jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab“, teilte die BVG mit.
[…] Dass es gerade jetzt zu einer Umbenennung komme, habe natürlich etwas mit der aktuellen Rassismus-Debatte zu tun, so Nelken.«
Quelle: https://www.morgenpost.de/berlin/article229444012/U-Bahnhof-Mohrenstrasse-BVG-Glinkastrasse-Mitte.html

»Weib« war in früheren Zeiten keine abwertende, sondern alltägliche und ohne Wertung verwendete Bezeichnung – und gilt heute als mindestens herablassend, zumindest als »negativ besetzt«. Ich konnte noch nie irgendwo lesen, dass es für diese Negativbewertung von »Weib« irgendeinen konkreten Grund oder Anlass gegeben hätte. Aber ich bin kein diplomierter Sprachwissenschaftler oder Historiker und kann ja selbstverständlich auch nicht alles wissen – ich wollte es nur anmerken. Diese »negative Besetzung« hat jedoch keinerlei tatsächliche Bedeutung, sondern ist nur eine subjektive Wahrnehmung und Neubewertung in unserer heutigen Zeit.

Soll man nun in allen Büchern und sonstigen überlieferten Schriften »Weib« tilgen, weil es heute als »unschick« gilt, um folgsam der allerorts wütenden »political correctness« zu genügen? Was ist vernünftig dagegen einzuwenden, alte Worte zu gebrauchen und damit auch Sprache vielfältig und lebendig zu halten und alte Traditionen zu pflegen?

»Neger«, »Rothaut« oder andere Bezeichnungen waren seinerzeit beschreibende Differenzierungsbegriffe und keineswegs mehrheitlich herabwürdigend gemeint – man denke auch daran, dass ja »der weiße Mann« ebenfalls beschreibend benannt wurde, beispielsweise als »Langnase«.
Als diese Bezeichnungen geprägt wurden, galt es als wissenschaftlich erwiesen, dass es unterschiedliche Menschenrassen gibt. Die Wissenschaftler mit neuen und anderen Forschungsergebnissen konnten sich damals nicht sofort durchsetzen und heute ist zwar widerlegt, dass es verschiedene Menschenrassen gäbe, aber es bleiben die unbestreitbaren und sehr unterschiedlichen äußeren Merkmale des Erscheinungbildes.

Ganz ausdrücklich unterscheiden möchte ich hiervon solche, wie zum Beispiel den Begriff »Nigger«, der, abgeleitet von »Neger«, tatsächlich als Abwertung von »Untermenschen« gemeint und benutzt wurde.

Wenn man jetzt mal den Beißreflex des heute allgegenwärtigen fanatischen Sprachfaschimus ablegen und die Sache nüchtern betrachten würde, könnte man vielleicht feststellen, dass erstens klar unterscheidbare Merkmale des äußeren Erscheinungsbildes geradezu erzwingen, sprachlich entspechende Beschreibungen zu verwenden, ohne dass diese dadurch zwangsläufig irgendeine Wertung enthalten.

Zweitens, dass diese Begriffe aus Zeiten stammen, in denen Sklaverei und Kolonialismus weltweit verbreitete Normalität waren und heute nun aus politischen Gründen – in Form von »political correctness« – die (natürlich immer nur negativ interpretierten) Wertungen den Mächtigen dazu dienen, dass wir uns mit Dingen gegenseitig zerreiben, die – bei Licht betrachtet – vergleichsweise unbedeutend sind.

Haben wir wirklich nichts Wichtigeres zu tun – tatsächlicher Rechtsradikalismus und Rassismus (auch und vor allem in Behörden), Klimawandel, faktische und reale Sklaverei, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit, Regierung(en), die gegen ihr Volk regieren – sind DAS nicht die eigentlich wichtigen Dinge, um die wir uns kümmern sollten?

Drittens ergibt immer erst der jeweilige Kontext die Möglichkeit, eine moralisch-ethische Wertung vorzunehmen, ob nun ein Wort negativ gemeint ist oder nur eine beschreibend-unterscheidende Funktion hat. Bei einer »Mohrenstraße« auszuflippen, einen riesen Apparat in Gang zu setzen und einen Haufen Geld auszugeben, ist einfach nur Verschwendung – angesichts der Problemlagen auf vielen Gebieten.

Sind eigentlich die gesamten Anrainer des U-Bahnhofes gefragt worden? Denn ich kann mir vorstellen, dass auch diese mit dieser Umbenennung einen erheblichen Aufwand haben – schließlich müssen ja in sämtlichen Kommunikationskanälen mindestens die Wegbeschreibungen geändert werden.

In der oben genannten FB-Diskussion fiel die Frage, ob es eine Adolf-Hitler-Straße geben dürfe.

Weshalb nicht – ist er nicht »bedeutende Person der Zeitgeschichte« gewesen – wer sonst, wenn nicht er?

Die Frage ist doch nicht, ob eine Straße nach ihm benannt wird, sondern wie auf sein Wirken hingewiesen wird, wie er in den Zusammenhang seiner Zeit gesetzt wird.
Kann nicht das »Nie darf vergessen werden, was geschehen ist!« eben gerade auch mit einer Straßenbenennung auf sehr vielfältige Weise aktiv gelebt werden?
Ist »lebendige Erinnerung« und die »stete Mahnung« mit einer Straßenbenennung nicht oder vielleicht soger viel besser möglich – eben, weil dann das Thema »Nationalsozialismus« und die Auseinandersetzung mit (unserer) Geschichte sehr viel präsenter bleibt?

Woanders habe ich (dort zum Thema »Sprachverhunzung wegen Geschlechtergerechtigkeit«) geschrieben:

Nach meiner bisherigen Wahrnehmung wurde uns immer erzählt, dass die geschriebene Sprache der gesprochenen folgt und nicht umgekehrt. Was in Wahrheit nie so gewesen ist, denn die geschriebene Sprache war Jahrtausende lang Elitenwissen und wurde deshalb zur Manipulation der Ohnmächtigen ge- und missbraucht.

Zunehmend deutlicher wird heute sichtbar, dass die Mächtigen sich jetzt ganz offiziell dazu gar nicht mehr »bedeckt halten«. Uns wird wieder einmal gesagt, wie wir zu reden und zu schreiben haben…! Wenn wir zurückblicken, gab es das schon (mehrmals) – und noch nie ist Gutes daraus erwachsen.
Man frage sich, weshalb das (heute wieder) so ist.

Aber solange wir uns um solche Dinge (vor allem hier im Netz) kümmern, sind wir wenigstens von den wichtigen Dingen abgelenkt, wie Bargeldabschaffung, Beseitigung von Privatsphäre und Meinungsfreiheit und damit letztlich jeder Freiheit.

Auch bei vermeintlich nur der Unterhaltung dienenden Spielfilmen lohnt sich ein genaues Zuhören oft mehr, als man vielleicht so glauben mag:

»Die Sprache der Heuchler zu übernehmen, bedeutet nur, dass man ein Teil der Heuchelei geworden ist.«
Lord Bartok (Morgan Freeman) im Film »Last Knights – Die Ritter des 7. Ordens«

Wie siehst du das? Mich interessiert deine Meinung dazu. Bitte nutze unten die Kommentarfunktion – herzlichen Dank.

Viele Grüße
Detlef Jahn

Nachtrag/Ergänzung vom 21.7.2020

Nachdem ich meinen Artikel auf Facebook verlinkt hatte, bekam ich einen zurechtrückenden Kommentar, den ich hier anfüge, um Fehler meinerseits geradezurücken.

Der Begriff »Weib« ist lange diskriminierend gewesen, auch wenn er sich nicht mit dieser Ansicht entwickelt hat.
Es ging im mittelhochdeutschen darum, die »einfache Frau« auch sprachlich der »Dame« unterzuordnen, wobei auch »Dame« extra als Lehnwort herangezogen wurde.
Daraus ergibt sich eine sogenannte Analogientretmühle.
Denn wie soll nun die einfache »Frau« zur Prostituierten abgegrenzt werden, die ja auch »Weib« genannt wurde.
Also nahm man das Wort »Hure«, was eigentlich eine junge Frau bezeichnete, die zum ersten Mal ihre Regel hatte.
Und wie unterstellt man sprachlich die »Dame« einer Adelsfrau? Auch da kommt man in Analogienöte.
Nun könnten wir das Beispiel auch auf den Mann beziehen.
Nur finden wir dort diese Tretmühle nicht in dieser Form.
Es brauchte keine Lehnwörter zur Höherstellung und keine zur rein aufs biologische abzielenden Diskriminierung, gegen dass sich die Opfer nicht – oder nur durch Geschlechtsumwandlung – zur Wehr setzen konnten.
Aber das ist ein paar hundert Jahre her und war dumm gelaufen. Heute sind wir ja aufgeklärter.

Ich danke dem Kommentator sehr herzlich. Tatsächlich war meine laxe Verwendung von »Weib« als Beispiel ein wenig zu oberflächlich, wofür ich um Entschuldigung bitte. Deshalb ist dieser Kommentar sehr hilfreich. Ich lerne immer gern dazu. Und den Leser/innen ist es hoffentlich ein »Mehrwert«.
Ich merke allerdings an, dass am Grundgedanken meines Artikels hierdurch keine Änderung notwendig ist.

Viele Grüße
Detlef Jahn

Bitte teile diesen Beitrag - vielen Dank.

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