02: Was würdest Du tun…

…wenn für dein Auskommen gesorgt wäre?

Meist liest und hört man diesen Satz: »Was würdest Du tun, wenn für Dein Einkommen gesorgt wäre?« – auch ich habe ihn bis vor kurzem noch verwendet. Während meiner gedanklichen Vorbereitungen auf diesen Blog erkannte ich aber, dass er den gemeinten Kern der Sache verfehlt. Denn es geht uns, den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), nicht darum, den Menschen eine bestimmte Geldmenge zu geben, gewissermaßen als Erlös oder gar Entschädigung oder Bezahlung für irgendwas, z. B. ehrenamtliche Tätigkeit oder Kindererziehung oder Angehörigenpflege und Familienversorgung, weil solche bisher nicht finanziell honoriert und nicht gesellschaftlich dankend anerkannt, ja noch nicht einmal als Arbeit verstanden werden. Nein, das ist ein großes Missverständnis und ein schwerer Fehler in der Kommunikation der BGE-Verfechter. Der Sinn und das Ziel des Ganzen ist, den Menschen ein tatsächlich freies Leben zu ermöglichen – nicht mehr und nicht weniger. Und das BGE soll die Grundlage dafür sein, die Voraussetzung.

»Hoho… jetzt springt er aber hoch«, wirst Du jetzt denken. Und Du hast recht. Aber ich versuche, im Verlaufe dieses Blogs zu zeigen, weshalb ich das so dramatisch sehe. Ja, ›dramatisch‹ scheint mir der richtige Begriff. Dramatisch werden die Auswirkungen sein, wenn wir ein BGE haben werden – wenn es in der Höhe tatsächlich so bemessen ist, dass es eine echte Teilhabe ermöglicht.

Was würdest Du tun, wenn für Dein Auskommen gesorgt wäre?

Ja, ich weiß: wir sind angstgesteuert und wir haben in vielen Generationen gelernt, dass unser Nachbar und unser Arbeitskollege nicht unsere Freunde, sondern unsere Konkurrenten sind. Wir haben gelernt, dass der Hartz IV-Empfänger, der neben uns im Warteraum sitzt, unser Feind ist, weil er uns den in Aussicht stehenden Arbeitsplatz wegschnappen könnte. Wir haben gelernt, neidisch zu sein, wenn jemand mehr erreicht hat, als wir selbst, weil er ja mehr Anerkennung in Form von Geld bekommt und vielleicht zu allem Unglück noch dazu eine Arbeit verrichtet, die ihm Spaß macht. Und wir sitzen im Callcenter, fahren Pakete aus, stellen Versandhandel-Bestellungen zusammen, zerren Waren im Akkord über Kassenförderbänder und können mit Mühe – wenn überhaupt – unseren Lebensunterhalt bestreiten. Extras sind aber nicht drin. Im schlimmsten Fall stolpern wir (selten freiwillig) von einer Qualifizierungs- und Umschulungsmaßnahme zur nächsten, bei einem Einkommen, das eher eine Unverschämtheit ist, als ein Lebensunterhalt.

Denn für wen arbeiten wir eigentlich – für uns? Nein, das ist uns eingeredet worden, aber es stimmt nicht. Der normale Durchschnittsbürger, der ein Arbeitseinkommen erzielt, bezahlt davon seinen Vermieter, seinen Bäcker und den Kartoffelhändler, seinen Schneider und den Schuhmacher, den Friseur und wenn er Glück hat, kann er sich einmal im Jahr ein Urlaubsquartier und die Reise dorthin mit allen Nebenkosten zusammensparen. All das ist aber nicht für ihn selbst, sondern dient dazu, dass er in seiner – uns vorgegaukelten, aber real gar nicht vorhandenen – ›Freizeit‹ lediglich seine Arbeitskraft regeneriert, um demjenigen, der ihn für seine Arbeit bezahlt, weiter dienen zu können und dessen Profit vermehren zu helfen. Über diese Regeneration der Arbeitskraft hinaus bleibt weder Zeit noch Geld übrig, womit er seinen eigenen Interessen nachgehen könnte, um neben dem Arbeitsleben, bei dem er Anderen verpflichtet ist, auch ein eigenes, ein privates Leben führen könnte. Er arbeitet also nie für sich, sondern immer nur für Andere. Er kann nicht selbst entscheiden, was wann wichtig und gut für ihn ist und das dann auch tun. Er lebt unter externen Zwängen und handelt nach von außen an ihn gestellten Notwendigkeiten – er lebt fremdbestimmt. Das muss man erkennen, wenn man über Freiheit nachdenken will.

Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu können, was man lernen, was man tun, wer man sein möchte. Freiheit bedeutet »nein« sagen zu können, ohne schwerwiegende Existenznachteile zu bekommen. Freiheit bedeutet, selbstbestimmt über den eigenen Lebensweg zu entscheiden.

Uns wird eingeschärft, dass wir schwach sind und dass wir einen Antrieb brauchen, damit wir tätig werden. Aber das ist eine Wahrheit, die einer Ideologie folgt. Wir werden angetrieben und gehetzt, damit wir nicht darüber nachdenken, woher die Widersprüche kommen zwischen den gelehrten und in den Medien gebetsmühlenartig wiederholten ›Wahrheiten‹, dass wir ja ach so faul und antriebslos seien und den vielfach real gelebten Erfahrungen. Woher kommt es denn, dass seit vielen Jahren deutlich mehr Stunden unbezahlte Arbeit geleistet werden, als bezahlte Erwerbsarbeit?

Was uns zur Frage bringt: »Was ist Arbeit?«. Seit Generationen werden wir konditioniert, dass nur bezahlte Tätigkeit zum Zwecke des Gelderwerbs Arbeit sei. Dabei ist jede Art ›Tätigsein‹ Arbeit: Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, die freiwillige Feuerwehr, anderen Menschen Tanzen beibringen, Kinder lehren, Schach zu spielen, Haushaltsarbeit (hier steckt es sogar im Wort ausdrücklich drin), sich kulturell zu betätigen, Obdachlosen helfen, diakonische Tätigkeiten aller Art… man kann die Aufzählung noch lange fortführen – ich überlasse den Rest Deiner Fantasie und Deiner praktischen Lebenserfahrung. Alle diese Arbeiten werden nicht als solche anerkannt, denn sie werden ja (meist) nicht bezahlt, sondern deren Ableistung wird sogar als Selbstverständlichkeit eingefordert oder zumindest vorausgesetzt. Stell Dir mal vor, es ist Hochwasser und keiner geht hin, um zu helfen…

Was würdest Du tun, wenn für Dein Auskommen gesorgt wäre?

Immer wieder zeigt sich bei Umfragen, dass ungefähr 80 % der Befragten angeben, dass sie bei Erhalt eines BGE weiter einer/ihrer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen werden. Und ebenfalls 80 % glauben, dass ›die Anderen‹ keine bezahlte Erwerbsarbeit mehr ausüben werden, wenn es ein BGE gibt. Hieran sehen wir sehr anschaulich, wie sehr sich unsere Selbstwahrnehmung von unserer Wahrnehmung unserer Mitmenschen unterscheidet. Dazu passt Heinrich Zille:

Wer von sich auf andere schließt, vergisst dabei oft, dass es auch anständige Menschen gibt.

Um ein BGE überhaupt Realität werden zu lassen und dann auch anständig (im Wortsinn) damit umgehen zu können, müssen wir lernen, unser Gegenüber zuerst einmal so zu akzeptieren, wie er ist. Wir müssen die Menschen als Menschen akzeptieren und positiv annehmen, um ihnen auch Teilhabe zugestehen zu können. Wir müssen aufhören, immer den anderen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben – wir tun das ja nicht nur im kleinen, sondern als Gesellschaft ja auch gegenüber anderen Gesellschaften. Immer ist irgend eine Gegenleistung gefordert oder gar eine Vorleistung, bevor man irgend woran teilnehmen oder Hilfe bekommen kann. Griechenland, das sich zugrunde gewirtschaftet hat bekommt keine Hilfe, bevor es sich nicht noch tiefer reinreitet und um seine Schulden bezahlen zu können, muss es erst noch mehr Schulden machen – welche Art von Vernunft soll das sein? Diejenigen, die das entschieden haben, wollen gar nicht helfen, sie wollen Macht ausüben. Das sind Verbrecher, die gegen geltendes Recht verstoßen und bestraft gehören. Und was passiert? Sie werden bei der nächsten Wahl wiedergewählt, damit sie weiter ihre Verbrechen verüben können, weil sie uns diese Verbrechen erfolgreich als Hilfe oder wahlweise je nach Situation auch gern als Schutz verkaufen.

Volksentscheide werden nicht abgeblockt, weil wir als Menschen oder als Volk unfähig sind, vernünftige Entscheidungen zu finden, sondern weil dann tatsächlich mal vernünftige Entscheidungen getroffen werden, die aber leider die Macht der Mächtigen gefährden könnten. Die sogenannte Wende 1989 ist nicht gewaltarm und ohne Tote abgelaufen, weil das Volk so entschlossen, oder die Entscheider so machtlos gewesen sind, sondern weil erteilte Befehle nicht weitergegeben und Entscheidungen widersprüchlich und Entscheider zögerlich waren. Wir haben nur Glück gehabt.

Wir müssen aufhören, uns mit schwer oder gar nicht widerlegbaren ›Totschlagargumenten‹ mit geradezu religiösem Eifer gegenseitig den jeweils anderen Standpunkt als fehlerhaft schlecht zu reden und damit jede Diskussion im Kein zu ersticken. Wir müssen aufhören ›dagegen‹ zu sein. Wir müssen uns darüber unterhalten, was wir wollen. Wir müssen uns als Teile eines größeren Ganzen gegenseitig anerkennen. Ja, es gibt und gab immer einen gewissen Anteil von Menschen, die ›nicht arbeiten wollen‹ – die wird es immer geben. Ein BGE wird aber nicht alle zu Schmarotzern degenerieren lassen, wie uns das oft angedroht wird. Das BGE wird nicht von Wenigen erarbeitet und von Vielen verbraten, die sich nur durchfressen wollen. Das sind Drohkulissen, die unsere Emotionen ansprechen, aber in keiner vernünftigen Lebenserfahrung Bestätigung finden.

Stell Dir vor: Deine Miete (für eine normale Durchschnittswohnung) und Strom, Deine grundlegende Ernährung, Deine Grundausstattung an Kleidung, Deine Kosten für die unverzichtbaren Versicherungen, wie eine Haftpflicht, die Kosten für eine Monatskarte, ein gelegentlicher Kino- und Theaterbesuch und ein gelegentlicher Kneipenaufenthalt, also ein vollständiges Leben, inkl. Teilnahme am gesellschaftlichen Leben musst Du nicht erarbeiten, sondern steht Dir zur Verfügung. Weil es Dich gibt und weil Du Teil der Gemeinschaft bist und weil Dir dieser Beitrag der Gemeinschaft ermöglichen soll, Deinen Platz in der Gemeinschaft suchen und finden zu können. Weil Du ungebremst durch Kampf ums Dasein herausfinden kannst, wozu Du taugst, was Dich interessiert und wo Du leben möchtest. Damit Du ›Deinen Teil dazu beitragen‹ kannst, aus unserer Gesellschaft eine bessere zu machen, für Dich, für uns und vor allem für unsere Kinder. Natürlich werden wir Wünsche haben, die über die Lebensgrundlagen hinausgehen – kein Problem. Heute arbeitest Du gegen Bezahlung, um Deine Arbeitskraft zu erhalten, damit Du mehr arbeiten kannst. Mit einem BGE arbeitest Du (in bezahlter Erwerbsarbeit), um Dir zusätzlichen Komfort zu ermöglichen. Das BGE deckt Deinen Lebensbedarf und Dein (zusätzliches) Erwerbseinkommen ermöglicht Deine persönlichen Wünsche. Es ermöglicht Dir, zu einem unverschämten Chef »Tschüß!« zu sagen. Es ermöglicht Dir, für unangenehme Arbeit einen angemessenen Lohn zu fordern oder einfach »Nein, danke!« zu sagen. Es ermöglicht Dir, kürzer zu arbeiten und mehr Zeit für Deine Kinder, Deine Kunst, Dein Studium, Deinen Sport, Deine Eltern zu haben. Es ermöglicht Dir, Zeit zu finden, politisch/gesellschaftlich tätig zu sein, Bedürftigen zu helfen oder mit klugen Leuten Gedanken zu wälzen. Mit einem BGE kannst Du einen Beruf lernen, der Dich wirklich interessiert. Du kannst ein Studium beginnen, weil Deine Existenz sicher ist. Du kannst Dein eigenes Geschäft starten, Deine eigenen Ideen realisieren, weil Dein Lebensunterhalt gedeckt ist. Und Du musst keinen Gewinn machen, es genügt eine ›schwarze Null‹. Wenn es Dir zum Beispiel wichtiger ist, dass Kinder fußgesunde Schuhe tragen aus guten Materialien und weniger wichtig, fetten Profit zu machen, dann kannst Du diese Schuhe zum Selbstkostenpreis abgeben, weil Dein Lebensunterhalt sicher ist.

Was würdest Du tun, wenn für Dein Auskommen gesorgt wäre – wenn Du dafür nicht Deine Haut um jeden Preis zu Markte tragen musst?

Ich danke Dir, dass Du bis hierher gelesen hast. Ich wünsche uns, dass ich Dich zum Nachdenken anregen konnte und hoffe, dass Du andere anstiftest, hier mitzulesen und selbst nachzudenken.

Viele Grüße
Detlef Jahn

3 Gedanken zu „02: Was würdest Du tun…“

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