Schelte aus dem Spiegel – Teil vier

[Fortsetzung von »Schelte aus dem Spiegel – Teil drei«]

Ralf Krauter hat für den Deutschlandfunk den Medizinstatistiker Gerd Antes nach seiner Meinung zum aktuellen Umgang mit der COVID-19-Pandemie befragt. In diesem Interview – betitelt mit »Viele Faktoren haben wir nicht mal ansatzweise begriffen« – sagt der Statistiker ein paar interessante und erschreckende Dinge – er redet ordentlich Klartext, was mir sehr gut gefällt.

Leider gefällt mir gar nicht, was er sagt – gewissermaßen ist (aus seiner Sicht und in diesem Interview) kein einziges gutes »Haar in der Suppe«.

Aber es überrascht mich nicht, denn auch hier zeigt sich, was schon sehr lange falsch ist und dass es Fehlentwicklungen sind, die im System ihren Ursprung haben. Wir machen Vieles falsch, weil diese falsche Vorgehensweisen von dem System erzwungen wird, in dem wir arbeiten und leben.

Ich empfehle dringend, das Interview komplett zu lesen. Ich werde hier nur einen kurzen Auszug zitieren, weil der große sonstige Teil direkt mit dem Thema »Umgang mit Corona« zu tun hat, was hier aber nicht besprochen werden soll, sondern, was uns das Virus zeigt – gemäß dem Thema meiner Artikelserie »Schelte aus dem Spiegel«.
Für mich ist folgende Passage die hier eigentlich wichtige:

»Krauter: Wie sieht es mit den Wissenschaftlern aus? Haben die jetzt die richtigen Studien angestrengt, um Klarheit zu bekommen bei diesen Wissenslücken?
Antes: Nein, das ist ein anderer sehr beklagenswerter Zustand. Wir haben inzwischen eine unglaubliche Anzahl an Studien, die zum Thema COVID-19 begonnen wurde oder auch schon Publikationen, also tausende, und alles ist völlig unkoordiniert, sowohl global, aber auch in Deutschland. Was einfach fehlt hier, ich nenne das immer einen Masterplan. Also, wir wissen ja, wo die ganzen Fragen offen sind, und die könnte man ganz gezielt angehen mit Studien, aber dann müsste man wirklich eine Koordination haben. Da versagt unser System gegenwärtig völlig.

Krauter: Was müsste passieren, wer sollte das in die Hand nehmen, aus Ihrer Sicht?

Antes: Also,ich glaube, das Robert Koch-Institut ist gegenwärtig einfach damit überfordert und ist auch nicht die richtige Institution, um solche Forschungsplanungen zu machen. Aus meiner Sicht völlig abgetaucht ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung, oder auch die Großforschungseinrichtungen wie Helmholtz zum Beispiel könnten das machen, aber gegenwärtig sehe ich nicht, dass es initiiert wird. Da das Ganze ja auch ministeriums- und fachübergreifend ist, müsste aus meiner Sicht das Bundeskanzleramt hier auch versuchen – nicht dirigistisch einzugreifen, aber zumindest koordinierend. Also, ich bin neulich mal gefragt worden, plädieren Sie jetzt für Planwirtschaft in der Wissenschaft, und da habe ich gesagt, na ja, der Begriff ist vielleicht nicht der richtige, aber im Prinzip schon. Die Konkurrenz von Wissenschaftlern, die ja so heilsam sein soll, die ist an der Stelle natürlich völlig fehl am Platz, weil wir damit eher in Verschwendung, unnötige Wiederholung oder auch Scheitern durch schlechte Planung stolpern. An der Stelle, glaube ich, da ist ein enormes Potenzial, zu verbessern, aber das wird gegenwärtig nicht genutzt.«

Die letzten beiden Sätze sind die Essenz des ganzen Interviews – für das Thema meiner Serie: Das Virus »SARS-CoV-2« zeigt uns, weshalb der Kapitalismus die falsche Wirtschafts- und Lebensweise ist.

Das Gesundheitssystem und die Forschung

Unser Gesundheitssystem ist »privatwirtschaftlich organisiert«. Man kann es auch anders sagen: Unser Gesundheitssystem, ist keins, denn es hat ganz ausdrücklich nicht den Zweck, uns gesund zu machen oder gar davor zu bewahren, dass wir überhaupt erst krank werden, schon gar nicht nachhaltig. Unser Gesundheitssystem ist aufgrund seiner privatwirtschaftlichen Organisation darauf ausgelegt, den Eigentümern Gewinne zu »erwirtschaften«.
Die »Krankenversicherungen« dienen nicht dazu, das Kostenrisiko einer Erkrankung von Einzelnen auf die Schultern Vieler zu verteilen und so zu mildern oder ganz zu beseitigen. Das wäre der vormals vielleicht zugrundeliegende Zweck – der Grundgedanke von »Versicherung«. Heute dienen Versicherungen – als privatwirtschaftliche Unternehmen – einzig und allein dazu, den Eigentümern Gewinne zu bescheren.

Das einzige Interesse der Krankenversicherungsgesellschaften ist es, Kosten zu vermeiden und Einnahmen zu sichern oder möglichst zu erhöhen. Der/Die Versicherte ist solange »guter Kunde«, solange er/sie nicht erkrankt – dann wird Gewinn »erwirtschaftet«. Im Falle einer Erkrankung startet das System zum Geldverdienen der gesamten sonstigen »Krankheitsindustrie«. Pharmakonzerne verdienen kein Geld, wenn keine Medikamente verkauft werden. Krankenhauskonzerne verdienen kein Geld, wenn keine Patienten »einliegen«. Ärzte verdienen kein Geld, wenn Keine/r mehr krank wird. In der gesamten Kette der Krankenver- und der Gesundheitsvorsorge gibt es keinen einzigen Teilnehmer, der auch nur im Ansatz daran interessiert sein darf, dass wir sehr gesund und wenig krank sind – aus rein wirtschaftlichen Gründen. Leider steht das zwar im direkten Konflikt mit dem hippokratischen Eid – aber wen juckts, wenn doch alle mitmachen…

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass es (vermutlich irgendwo in Asien, wahrscheinlich in China) Gegenden gibt oder gab, in denen der Arzt nur bezahlt wird, so lange seine Patienten/Kunden gesund sind. Sind/Werden sie krank, ist er wirtschaftlich sehr daran interessiert, sie wieder gesund zu machen, damit er wieder Einkommen hat. Er ist also interessiert, dass seine Klienten gar nicht erst krank werden und wird alles in seiner Macht stehende tun, sie gesund zu erhalten, weil seine wirtschaftliche Situation und natürlich sein guter Ruf als Arzt davon abhängen. Leider habe ich dazu jetzt für diesen Artikel keine konkreten Belege gefunden, wann und wo es solch ein echtes Gesundheitssystem tatsächlich gibt oder gab. Ich würde mich sehr freuen, wenn mir der/die eine oder andere Leser/in Informationen dazu schicken würde.

Das ist die eigentlich wichtige Diskussion, die geführt werden muss: Darf Gesundheitsvorsorge und Krankenpflege der privaten Gewinnerzielung dienen?

Gleiches gilt für die Forschung.

Heute erhalten Universitäten Zuwendungen von privaten Unternehmen und konkrete Forschungsaufträge mit vorgegebenen Zielrichtungen, die in den allermeisten Fällen eine gewinnorientierte »Auswertung« als Zweck verfolgen. Forschungsergebnisse werden patentiert, damit dieses gefundene Wissen nur nutzen kann, wer dem Inhaber des Patentes als »Entschädigung« eine »Lizenzgebühr« entrichtet.

»Studieren« kommt von lateinisch studere »[nach etwas] streben, sich [um etwas] bemühen« – es ist die Suche nach Erkenntnis. Das Streben nach Erkenntnis wird aber beeinflusst und vor allem korrumpiert, wenn wirtschaftliche Interessen bestimmen, nach welcher Art Erkenntnis gesucht werden soll.

Im Artikel »Stell dir vor, du bist Student/in…« habe ich geschrieben:

Welche Möglichkeiten sind das für die Zukunft unserer Kinder, wenn Menschen sich nicht mehr entscheiden müssen, ob sie ihr Studium künftig ernähren kann oder ob sie ihrer Neugier folgen, aber dafür zeitlebens am sprichwörtlichen Hungertuch nagen müssen?!

Welche Kräfte können freigesetzt werden, wenn nicht daran geforscht wird, welche Logarithmen den meisten Profit abwerfen, sondern welche Art von Landwirtschaft die sicherste und (qualitativ) beste Ernte ermöglicht und den geringsten Umweltschaden verursacht?!

Welche Fortschritte können wir erleben, wenn wir nicht mehr profitorientiert, sondern gemeinwohlsichernd und umweltschonend denken und handeln lernen?!

Diese Fragen stellte ich in Bezug auf ein (bedingungsloses) Grundeinkommen.

Aber diese Fragen stellen sich jetzt auch und ganz besonders im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie.

Welche Kraft könnte sich entfalten, wenn alle Forscher und deren entsprechenden Institutionen und Organisationen weltweit zusammenarbeiten würden?

Welche Möglichkeiten böten sich, wenn die profitorientierten Pharmakonzerne sich nicht schon am Beginn der Forschungen mithilfe von ausgekochten Winkeladvokaten durch beinharte Verträge mit einzelnen Forschungseinrichtungen die »Verwertungsrechte« zukünftiger Forschungsergebnisse sicherten und dann die Allgemeinheit nur gegen gewinnträchtige Entgelte teilhaben ließen?!

Welche Möglichkeiten böten sich, wenn die Gesellschaften den Forschern alle notwendigen Möglichkeiten zur Verfügung stellten und dann die Ergebnisse offen und frei für die Allgemeinheit zugänglich wären?!

Ich habe ja erst einmal gar kein Problem damit, wenn eine Privatfirma dann zum Beispiel den Corona-Impfstoff herstellt und dafür entsprechende Kosten geltend macht. Aber ich kann nicht einsehen, dass das Wissen um die Herstellung eines solchen Impfstoffes ein privates Recht sein darf und dass sich wenige Private sich deshalb und dadurch auf Kosten der Gesundheit und des Lebens Vieler persönlich bereichern.

Und:
Genau wegen dieses Systems, in dem Alles zu Profit für privates Eigentum gemacht werden muss, stecken wir in wichtigen Fragen fest und verzetteln uns und verschwenden Zeit und Energie, wie es Gerd Antes in oben genanntem Interview kritisiert.

Darüber wird viel zu wenig diskutiert, wenn die einschlägigen »Talkshows« zum abendlichen nichtssagenden Hohlkopfspektakel laden oder wenn Schreiberlinge – gefangen im selben undurchdringlichen Gespinst der Profitinteressen – folgsam darauf achten, nicht die Hände zu beißen, die sie füttern.

Es werden viel zu oft die falschen und viel zu selten und vor allem viel zu leise die richtigen (System-)Fragen gestellt:

Wie wollen wir leben?

Und die wichtigste aller Fragen:
Wem nützt es?

Bitte schreib mir deine Meinung oder deine Fragen unten in die Kommentare – herzlichen Dank.

Viele Grüße
Detlef Jahn

[Fortsetzung folgt.]

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