Eine Frage der Ehre

Fiel mir grade so ein, obwohl ich eigentlich »Würde« meine. Aber »Ehre« ist irgendwie stolzer, selbstbewusster und klingt weniger nach Gnade.

Es gibt einen Kommentar, den ich (wahrscheinlich) auf Facebook aufgeschnappt habe (Leider habe ich die Quellenangabe nicht mitgenommen.), den ich hier beleuchten möchte. Ich zitiere:

Ehrlich gesagt, ich möchte gar nicht, dass meine Tochter ihre Zeit damit verbringen muss, mich zu pflegen! Ich möchte gerne anständig gepflegt werden, keine Frage! Ich möchte, dass sie mich gerne besucht, bei mir ist, so sie Zeit hat und es wirklich möchte, darüber hinaus muss, nein soll sie ihr Leben genießen und für ihre Kinder und ihre Liebsten da sein! Bedingungsloses Grundeinkommen soll ihr Leben sicherer machen und meine Pflege sichern!

Da ich mich aktuell in einer sehr schwierigen Sterbebegleitung befinde, scheint es mir irgendwie passend, mich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Ich kann verstehen, dass der Schreiber dieser Worte seine Tochter davor bewahren möchte, dass er eine (zusätzliche) Last für sie ist. Und ich kann verstehen, dass er selbst sich nicht als lästig empfinden möchte.

Aber es gibt eine andere Sichtweise, die man vielleicht einnehmen kann:

Um seine Ehre (und Würde) zu bewahren und zu schützen, kann es extrem wichtig sein, in schwierigen Zeiten Menschen bei und um sich zu haben, die man selbst mag und denen man vertraut und denen man selbst wichtig ist. Und meist wird es nicht nur wichtig sein können, sondern ist es das auch – und zwar ganz handfest.

Wenn man in sich in Bedrängnis befindet, weil man z. B. schwer krank ist (das können sich wahrscheinlich die Meisten am einfachsten vorstellen), durchlebt man vielfältige und oft extrem tiefgehende Stressmomente. Es gibt viele Gründe für Stress: Man hat Angst vor einer (weiteren) Untersuchung, man hat Kommunikationsprobleme mit Pflegepersonal oder Arzt, man ist unsicher, Entscheidungen zu treffen, man muss Angelegenheiten weiterhin im Auge behalten und regeln, man schämt sich wegen Hilflosigkeiten, man ist wütend wegen Hilflosigkeiten…

Fremde Menschen kennen einen nicht gut und wissen deshalb nicht, mit persönlichen Besonderheiten umzugehen. Fremde unterliegen meistens einem enormen Leistungs- und Zeitdruck. Fremde passen möglicherweise charakter- und temperamentmäßig oder von ihren grundsätzlichen Ansichten nicht gut zu einem selbst.

Das alles ist völlig normal und bereitet uns im Alltag eher selten ernsthafte Probleme.

Aber wenn wir uns in Ausnahmesituationen befinden, ist es von enormer Bedeutung, ob wir uns sicher fühlen, ob wir wissen und fühlen(!), dass wir bewacht und beschützt werden, dass uns keine Vorbehalte entgegenschlagen – die Gefühlswelt regiert in solchen Situationen über den Verstand.

Wir kehren zurück in unsere früheste Kindheit, in der unser Wohlergehen, unsere seelische Unversehrtheit davon abhing, wie tief unser Urvertrauen reale positive Bestätigung findet, wie geborgen wir uns bei unseren Eltern finden. Wir sind wieder die Schutzbefohlenen.

Diese Sicherheit, dieses Vertrauen und die daraus erwachsende Kraft und Zuversicht können uns Menschen am besten geben, die wir kennen – meistens Familienmitglieder.

Deshalb ist es keine Zumutung, sondern oftmals existenzielle Notwendigkeit, dass uns Angehörige oder enge Freunde helfen, wenn wir in Not sind.

Und hier kommt das Grundeinkommen ins Spiel:

Das Grundeinkommen ermöglicht, uns in Ausnahmesituationen – in der allergrößten Not auch rund um die Uhr – um Angehörige und Freunde zu kümmern – oder um Menschen, die sonst keinen anderen Beistand haben…

Ihr glaubt ja nicht, wie viele Patienten auf Intensivstationen tage- und wochenlang überhaupt gar keinen Besuch erhalten!

Wir können das nur leisten, wenn sich die Helfer nicht ihrerseits um ihre Existenz sorgen müssen, wenn sie ohne Sorge um die eigene (Grund-)Versorgung vorübergehend »aussteigen« können, um sich Bedürftigen zuzuwenden.

Es geht dabei oft nicht darum, den Hintern abzuwischen, sondern oft genügt es, einfach da zu sein – um moralischen Beistand.

Ein weiteres Problem kann das Grundeinkommen lösen:

Die weiträumige Trennung und Zerstreuung der Familien.

Wir als Gesellschaft hätten keinen Pflegenotstand, wenn wir Menschen ohne Zwang zum beinharten Hamsterradwettlauf wieder nahe beieinander leben könnten und damit leichter möglich wäre, uns um Familienangelegenheiten zu kümmern, von der Kindererziehung bis zur Altenpflege und der Sterbebegleitung. Denn das sind natürliche Familienangelegenheiten.

Wir haben das nur ausgetrieben bekommen, weil uns eingetrichtert wurde, dass »Fachleute« solche Arbeiten angeblich besser könnten, als wir selbst.

Nicht gesagt wurde uns aber, dass das deshalb behauptet wird, weil nur durch »Outsourcing« von Privatangelegenheiten aus humanitärer Arbeit ordentlich Profit geschlagen werden kann.

Solange unsere Krankenpflege und unsere Altenbetreuung, unsere Kindererziehung und zu weiten Teilen auch die Bildung dem familiären Umfeld entrissen bleiben, solange wir nicht die Möglichkeit bekommen, zu normalen zwischenmenschlichen und Familienbeziehungen zurück zu finden, solange Krankenversorgung, Kindererziehung, Bildung und Altenpflege als Wirtschaftsfaktoren angesehen werden und als Profitmaschinen dienen, solange werden wir niemals menschenwürdige Pflege- und Lebensverhältnisse bekommen und immer nur an Notständen herumflicken.

Und ein (bedingungsloses) Grundeinkommen wäre ein sehr guter Baustein für ein Fundament, auf dem eine bessere Gesellschaft aufgebaut werden kann, als es unsere heutige ist.

Wie denkst du darüber? Bitte nutze die Kommentarfunktion und informiere Andere über meinen Blog – vielen Dank.

Viele Grüße
Detlef Jahn

PS:
Gerade eben, wie ich mit Schreiben fertig bin, kam wieder eine Alarmmeldung aus dem Krankenhaus und das Zittern und Bangen geht in die nächste Runde…

6 Gedanken zu „Eine Frage der Ehre“

  1. Ich finde es auch sehr erstrebenswert, dass die Kinder und Enkel wieder Wege finden sich als Familie zu begreifen und füreinander da zu sein. Die Gesellschaft hat sich eben zu getriebenen oder isolierten Individualisten entwickelt, wo die Ziele nicht mehr sozialer Natur sind, sondern finanziellen Erfolg anstreben.

    Ich denke, dass die „Entstressung“ durch ein BGE sehr dazu beitragen kann und wird, dass Familie wieder mehr in den Vordergrund rücken kann.

    Die Digitalisierung, begleitet durch ein bewussteres Leben, (zweifelsohne zwingend) wieder mehr im Einklang mit der Natur, sowie mit mehr Bescheidenheit im Konsum unter Beachtung aller Komponenten der Produktion, setzt die nötige Arbeit, die eine Volkswirtschaft zu leisten hat (meint zu müssen), weiter herab.
    Wenn durch das BGE und das veränderte Bewusstsein und der sich harmonisierender Umgang miteinander ein nicht erzwungener, sondern sich entwickelnder Wertwandel stattfinden könnte, wovon ich überzeugt bin, dann können wir alle Prognosen auch sein lassen, weil es unberechenbar ist/wird.

    Evolution, das ist Trail & Error, den wir uns, warum auch immer, nicht mehr (zu)trauen, obwohl wir alle spüren, dass es so keinesfalls weitergehen kann, weil wir alle nur noch unglücklich aufeinander rumkacken, Schuld zuschieben und der Aggression die Herrschaft überlassen, jeder gegen jeden…

    BGE ist Pro-Familie!!!

  2. Ein Modell (Variante): bGE (bedingtes Grundeinkommen) ist ganz einfach. Menschen tun sich in einer Genossenschaftsbank Global PEACE Bank e.G. (Raiffeisen-Variante) zusammen und verpflichten sich „freiwillig“, 3 – 5 Wochenstunden dafür zu Hause am Computer zu arbeiten. Das Entgelt wird ihnen auf Sperrkonnten der Bank gutgeschrieben, kumuliert und bildet das Eigenkapital. Das ist der Wertanker für Regionalgeld (Arbeitsleistungs-Gutscheine) nach dem Wörgl-Modell (Silvio Gesell, Helmut Creutz, Margrit Kennedy). Die sind in Grenzen steuerfrei, damit können also keine Kriege finanziert werden. Das „normale“ System des Staatsgeldes läuft daneben in der Transformationsphase weiter, der Staat finanziert daraus das soziale Netz und die Infrastruktur. Wieviel „Schutzgeld“ dann davon noch übrig bleibt, dass er vom Volk als Steuern (Opfer an den Herrscher-Gott Staat) erpressen kann, bleibt abzuwarten.
    Geld ist eine Frage der Regeln, der Psychologie, des Glaubens! rto.190413

    1. Ich stehe dem Regionalgeld sehr skeptisch gegenüber – im heutigen System.
      Ich denke, damit wird von einer falschen Seite her angesetzt.

      „Geld ist eine Frage der Regeln, der Psychologie, des Glaubens.“ – dem stimme ich zu.

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