Mein erster der ›Fridays for Future‹

Foto: 'Fridays for Future'-Demo Plakat: "Unser Haus brennt"

Donnerstag war Feiertag, meine Frau hatte am Freitag ›Brückentag‹, meine knapp elfjährige Tochter einen Tag Ferien und ich einen regulären freien Tag.
Beim Frühstück haben wir darüber gesprochen, was wir machen wollen und ich habe die Demo der ›Fridays for Future‹-Bewegung in die Diskussion geworfen und so haben wir beschlossen, uns das mal mit eigenen Augen anzusehen und mitzumachen.

Schließlich geht es uns alle an.

Und Position zu beziehen, halte ich für wichtig und mit 11 Jahren ist man nicht zu klein, das zu lernen.
Also nicht nur über Andere zu schimpfen, die sich nicht richtig verhalten, sondern auch aktiv die Stimme zu erheben, wenn sich etwas ändern soll.

Ich hab mir also schnell noch provisorische Schilder mit Hinweis auf meinen Blog gebastelt und dann sind wir mit Trillerpfeifen bewaffnet, nein ausgerüstet, nein… wir haben Trillerpfeifen mitgenommen und sind in die Bimmel geklettert und zur Demo gerödelt.
[für auswärtige Unwissende: »Bimmel« ist die Bezeichnung der sächsischen Eingeborenen für die Straßenbahn, die heutzutage auch als »Tram« bezeichnet wird und »gerödelt« heißt »gefahren«]

Auf dem Sammelplatz wurde es langsam voller, etliche waren auch schon da und dann begannen die unmittelbaren Vorbereitungen: Die Vertreter/Bewacher vom Ordnungsamt haben die Organisatoren belehrt und die Organisatoren haben die Teilnehmer belehrt und dann nach einer Weile des Herumstehens und sich Begegnens, wurde dann zum Abmarsch formatiert und der Zug setzte sich in Bewegung.

Aufgefallen ist mir, dass eine sehr entspannte Stimmung herrschte, es wurde Musik gespielt und man redete und lachte und ein paar von den Jugendlichen haben getanzt.
Kein »Erwachsenenhass«, keine vorfurfsvollen Töne – alles ganz ruhig und gesittet – geradezu freundlich. Offenbar »Neue« wurde nicht argwöhnisch beäugt, sondern ohne jeden Kommentar in der Menge aufgenommen und waren selbstverständlicher Bestandteil der Veranstaltung.

Die Organisatoren haben sich abgesprochen und ihre Manuskripte sortiert und dann ging es los. Alles ganz selbstverständlich – keine Hektik, keine Nervosität zu sehen.

Gefiel mir sehr gut. Vor allem die Souveränität, mit der die jungen Leute agierten.
Sie wussten genau, worum es geht und wie es ablaufen soll.

Aber nirgends ein »jetzt zeigen wir es denen mal so richtig« oder ähnliche Verhärtungen – es war ein geradezu freundlicher Demonstrationsstart.

Nach kurzer Wegstrecke erscholl die Sirene und wir legten uns alle hin, wo wir gerade standen und es wurde vorgelesen, weshalb ›Primark‹, vor deren Filiale wir gerade lagen, nun nicht unbedingt eine empfehlenswerte Einkaufsstelle ist.

Aber an keiner Stelle irgendwie verhetzende Anschuldigungen oder Hasstiraden, welch Schurkenverein dort zugange wäre, sondern eine Auflistung von sachlichen Gründen, weshalb ›Primark‹ wahrscheinlich nicht gut für die Umwelt sei.

Dasselbe dann nochmal auf dem weiteren Weg durch die Leipziger Innenstadt vor den Filialen von ›Breuniger‹ und ›H&M‹ – bei ›Mc Donalds‹ sind wir vorbeigelaufen, dort hatten wir vergessen, uns niederzulegen – diesen Text haben sie dann am Schluss der Tour nachgetragen.

Achja, zuletzt lagen wir vor der ›Deutschen Bank‹, weil die an zweifelhaften und sehr umweltschädlichen Beteiligungen profitiert.

Mich hat beeindruckt, wie entspannt die kompletten Demonstrationsteilnehmer waren und wie geradezu bösartig viele »Glotzer« den Zug mit doch ziemlich abwertenden Bemerkungen bedacht haben und wie viele Menschen sich offensichtlich ziemlich gestört fühlten.

Es gab auch positive Solidaritäts- und Beifallsbekundungen, aber die waren leider stark in der Minderheit.

Etliche haben offenbar aus dem Büro heraus gewunken, den Daumen hochgehalten und das Victory-Zeichen gezeigt – aber sehr viele ganz offenbar sehr heimlich und sehr bedacht, nicht erwischt zu werden (nervöser Blick rückwärts in den Raum hinein…).

Es ist hochinteressant, was man so für Eindrücke gewinnen kann, wenn man auch als Demonstrationsteilnehmer – auch als aktiver – aufmerksam nach rechts, links und nach oben schaut und beobachtet, was sich da so alles »am Rande der Veranstaltung« abspielt.

Alles in allem finde ich prima, dass die jungen Leute zeigen, dass es ihnen um etwas geht und dass sie verstanden haben, wie bedeutsam das ist.

Es gab ein Transparent »Unser Haus brennt« – treffender kann man es nicht auf den Punkt bringen: Wir alle sitzen in einem brennenden Haus und keiner fängt an, zu löschen oder auch nur die Feuerwehr zu rufen – alle zeigen auf den jeweils Anderen und wollen, dass »der was unternimmt«…

Es ist schlimm, mitzuerleben, wie der Großteil der lebenden Mitverursacher schulterzuckend vor der jungen Generation steht und nach China zeigt.

An die Demonstranten von ›Fridays for Future‹ kann ich nur appellieren: Lasst Euch nicht unterbuttern – es ist ganz allein Eure Zukunft, um die ihr kämpft – zeigt es den Alten!

Und ich werde, so oft es geht, einstimmen, wenn es wieder heißt:

»Wir sind viele, wir sind laut – weil ihr uns die Zukunft klaut!«

und beginnen muss es mit:

»Kohle: raus! – Kohle: raus! – Kohle: raus! – Kohle, Kohle, Kohle: raus, raus, raus! – Dankeschön! – Bitteschön!«

Meine Stimme habt ihr!

Viele Grüße
Detlef Jahn

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2 Gedanken zu „Mein erster der ›Fridays for Future‹“

  1. Liebe Simone,
    ich unterstutze alles was Du hier sagst, aber das Abstellen der Fliegerei ist -heutzutage- m.E. schwieriger als Du behauptest: ich habe Freunde mit denen ich regelma?ig Wandern gehe. Seit Jahren fliegen wir in den Balkan. Meinem Wunsch auf Flugverzicht wurde nie entsprochen. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal Konsequenzen gezogen und fahre per Bahn hin (ich muss 2 Tage fruher losfahren und komme 2 Tage spater zuruck und zahle mehr als dreimal soviel). Aus einem 7 Tages-Trip wird eine 11 tagige Reise. Meine Freunde behaupten, sie konnten sich das zeitlich gar nicht leisten. Ich will damit sagen, dass es auch einen Gruppenzwang zu unsinnigen Verhaltensweisen gibt. Und das ist unter jungen -weltweit vernetzten- Menschen noch viel extremer: die fliegen fur die Hochzeit von Freunden noch viel langere Strecken und glauben, dass sich nur so Freundschaften erhalten lassen. Fur die Reichen auf dem Planeten geht es uberhaupt nicht um Geld, sondern um Verfugbarkeit und Zeit. Das halte ich fur eine Art Geisteskrankheit, die durch den Handel mit Freimeilen leider nicht geheilt wird.
    Herzlicher Gruss, Michael

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