Replik auf: Bedingungsloses Grundeinkommen: Warum Superreiche es wollen – und Armutsforscher nicht

Sehr geehrter Herr Wolkow,

zuerst möchte ich mich herzlich bedanken, dass sie ihre Meinung zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) geäußert haben, weil mir das Gelegenheit gibt, darauf zu antworten.

Ich werde mich auf folgende Veröffentlichung auf Compact-Online.de vom 19.10.2017 beziehen: https://www.compact-online.de/bedingungsloses-grundeinkommen-warum-superreiche-es-wollen-und-armutsforscher-nicht/

»Immer mehr Millionäre und Milliardäre entdecken scheinbar ihre soziale Ader und plädieren für eine allgemeine Grundversorgung, die vom Einkommen unabhängig ist. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge hält dagegen. Dies würde den Sozialstaat und seine Prinzipien zerstören und die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland weiter auseinanderklaffen lassen, sagt er.
Unser Autor geht noch einen Schritt weiter und warnt: Ein Grundeinkommen käme einem Schweigegeld für die bedeutungslose Masse gleich.«

Zuerst eine Anmerkung an den Autor und an Compact-Online.de:
Mich würde sehr interessieren, wer sich hinter dem Synonym »Alexander Wolkow« verbirgt, denn es lässt den Verdacht zu, dass hier jemand einfach nur Dampf ablassen will, ohne sich der Diskussion stellen zu wollen.

Man kann aber auch vermuten – wenn man es wohlmeinend auslegen will –, dass der Autor nicht seinen Klarnamen verwendet, weil er (berechtigte) Angst vor Repressalien hat, wenn er sich öffentlich zum Thema Grundeinkommen äußert, weil ein (echtes) Grundeinkommen, das die Kriterien des Netzwerkes Grundeinkommen erfüllt, eine reale Gefahr für das bestehende System darstellt und deshalb jeder Befürworter auch in realer Gefahr schwebt, vom System malträtiert zu werden.

Jedenfalls ist der echte Alexander Wolkow durch hervorragende Kinderbücher bekannt geworden, vor allem durch die Serie über Elli, Totoschka und die Zauberwelt rund um die Smaragdenstadt.

Eine etwas genauere Fehlerprüfung wäre auch nicht schlecht gewesen…

Aber nun zum Artikel.

Im ersten Teil beschreibt der Autor in sehr knapper Form, aber weitgehend annehmbar, die Gemengelage rund um die verschiedenen Positionen zum Grundeinkommen.

Interessant wird es in dem Teil, in dem er seine eigenen Ansichten einbringt und selbst Position bezieht, zumindet andeutungsweise:

»Das Thema “Grundeinkommen”, ob nun bedingungslos oder nicht, wird an Aktualität und Dringlichkeit zunehmen.«

Hier erntet er bei mir ganz klare Zustimmung.

»Die auf Deutschland zu rollende Lawine der Altersarmut wird das Thema zunächst in seiner Spielart der “Mindestrente” auf den Tisch bringen. Es wäre wünschenswert wenn die Gruppe der Pensionäre sich dann zur Wehr setzen würde, um wenigstens im Alter ihr Stück vom Kuchen zu fordern, dass ihnen während ihres Arbeitslebens durch Mini-Löhne verwehrt worden ist.«

Ein kleiner, aber nicht unwichtiger Formfehler: Rentner und Pensionäre sind sehr unterschiedliche Personengruppen.

Bei Pensionären ist die Befürchtung, von Altersarmut betroffen zu sein, kaum gerechtfertigt und wird in dieser Gruppe wahrscheinlich auch nicht sehr weit verbreitet sein.

Ganz anders dagegen sieht es bei den Rentnern aus. Das sind diejenigen, die mehrheitlich ihr Leben lang mehr oder weniger hart und ehrlich gearbeitet, ins Rentensystem eingezahlt und damit die Renten ihrer Vorfahren mitgetragen haben.

Diese heutigen Rentner stehen oft vor der beängstigenden Frage: »Und wovon soll ich jetzt leben, nachdem ich meine Haut zu Markte getragen und meinen Buckel krumm geschuftet habe?«

Die Pensionäre haben jedenfalls nicht zum deutschen Rentensystem beigetragen…

»Zum Beispiel die Besteuerung von Finanzvermögen und leistungslos erzielten Renditen könnte ein Ansatz sein, wie man umverteilen könnte, ohne dabei wie bisher die unteren gegen die mittleren Einkommensklassen gegeneinander auszuspielen.«

Nett, verfehlt aber deutlich den eigentlichen Kern eines Grundeinkommens.

Ein Grundeinkommen hat nicht die Aufgabe, von oben nach unten umzuverteilen. Der Zweck eines Grundeinkommens ist, jedem ein menschliches Dasein zu gestatten und die Freiheit zu gewähren, »Nein, Danke.« sagen zu können – vor allem zu Scheiß-Jobs, die wenig sinnvoll erscheinen, schlecht bezahlt werden, unakzeptable Arbeitsbedingungen haben oder auch wegen Chefs, die sich sich als bösartig erweisen.

Eine gewollte Umverteilung wäre auch heute bereits möglich und ist nicht davon abhängig, ob es ein Grundeinkommen gibt oder nicht.

Und Umverteilung von oben nach unten ist keine notwendige Voraussetzung für ein Grundeinkommen.

»Schweigegeld für die Entmündigten?

Bereits Karl Marx hat das Konzept eines leistungslosen Grundeinkommens abgelehnt, da es bedeuten würde, dass es große Teile der Bevölkerung zu Almosenempfängern degradieren würde.«

Nun, die kurze Antwort ist: Marx hat das Grundeinkommen entweder nicht oder missverstanden.

Marx saß, wie viele andere auch, einem lange vor seiner Zeit gepflanzten Glauben auf, den auch er selbst sehr tief verinnerlicht hatte, wie viele andere bis heute noch: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.«

Das Dogma des falsch interpretierten und verkürzten Zitates aus dem 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher wurde so tief ins Bewusstsein der Menschen gesenkt, dass es heute von den meisten Menschen im christlich-kapitalistischen Kulturkreis als unabänderliches Naturgesetz angesehen wird.

»Marx erforschte die Geschichte nicht anhand von großen Ideen, die miteinander streiten, sondern als ein Produkt sich ändernder Produktionsverhältnisse.«

Und das war auch nicht grundsätzlich falsch.

Aber unter anderem wegen des oben genannten Dogmas vom »Essen nur gegen Arbeit« und aus ein paar anderen Gründen, hatte Marx ein etwas verengtes Sichtfeld. Er machte die Produktionsverhältnisse verantwortlich, übersah aber, dass diese eine zwangsläufige Folge des Geldwesens und vor allem des Zinses sind. Er wollte die Produktionsverhältnisse ändern, hätte aber (deutlicher) darauf hinweisen müssen, dass die nötige Vorraussetzung dafür die Änderung des Geldsystems ist.

Der Sozialismus hat den Sprung zum Kommunismus nicht schaffen können, weil er sein Geldwesen nicht vom benachbarten Kapitalismus abgekoppelt und seine Wirtschaft nicht vom Kapitalismus unabhängig entwickelt hat. Durch den Versuch, mit dem Kapitalismus zu konkurrieren, ist der Sozialismus in die Pleite geraten.

Hätte das sozialistische Lager nicht untereinander weiterhin Konkurrenz geprobt, sondern zu echter Kooperation gefunden, hätte es sich neben dem Kapitalismus behaupten und von ihm emanzipieren können und es hätte eine völlig andere politisch-wirtschaftliche Weltsituation entstehen können, als wir heute haben und künftig befürchten müssen.

Aber ich schweife zu weit vom Grundeinkommen ab.

»Mitbestimmung am Arbeitsplatz, Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand und letztendlich jede Form von Demokratie konnten von den vormals im Feudalismus besitzlosen Massen nur errungen werden, weil sie gebraucht wurden.«

Ein Gedanke, den ich für sehr schlüssig halte.

»Aus dieser Perspektive bekommt die Diskussion um ein Grundeinkommen, wie sie heute besonders gerne von Konzernchefs und Milliardären geführt wird, einen brandgefährlichen Spin. Denn spielt man das Gedankenspiel zu Ende, was passieren wird, wenn die Nachfrage nach der Ware Arbeit beträchtlich abnimmt, dann werden die Massen in den vorkapitalistischen Zustand der Bedeutungslosigkeit zurückfallen.«

Eine Schlussfolgerung, die falsch ist.

Denn woher soll der böse Kapitalist seinen (zukünftigen) Reichtum nehmen oder womit seinen (schon vorhandenen) Reichtum mehren, wenn niemand mehr da oder in der Lage ist, seine Waren zu kaufen?

Und gerade weil der Kapitalismus heute schneller galoppiert, als je zuvor, braucht der böse profitgierige Ausbeuter mehr denn je eine finanziell potente Käuferschar.

Der Wert der Kunden ist heute noch viel wichtiger, als die Arbeiter zu Marx‘ Zeiten oder die Bauern zu Zeiten des Kaisers Otto I., dem Großen. Und die Bedeutung der Käufer wird noch sehr viel weiter steigen, wenn erst Roboter die Produktion dominieren und auch Dienstleistungen mehrheitlich ausführen.

Roboter kaufen keine Playstation und keine Hamburger und keine Cola.

»Im Kapitalismus erstritten sie politisches Mitspracherecht nur, weil sie gebraucht wurden – also wird auch dieses ihnen aberkannt und sie werden zu ohnmächtigen und beliebig austauschbaren Almosenempfängern.«

Naja… kommt drauf an.

Wenn ein Grundeinkommen »von oben« eingeführt wird, das vorher keine gesamtgesellschaftliche Debatte durchlaufen hat und das dann am Ende nicht den Kriterien des Netzwerkes Grundeinkommen enspricht, dann könnte das durchaus passieren.

Ich halte es aber für unwahrscheinlich, denn nur »glückliche Kunden« geben ihr Geld bereitwillig aus und liefern ihre Daten bereitwillig der dunklen Seite der Macht aus.

Weltkonzerne, die von machtbesessenen Egomanen geführt werden, wie z. B. Jeffrey P. Bezos, um nur einen stellvertretend zu nennen, profitieren nur von »glücklichen Kunden«.

Nur die Daten »glücklicher Kunden« sind einen Handel wert und spülen Profite in die Tresore und auf die Konten der Lenker von ebay, Apple, Facebook und Consorten. Daten von Menschen, die nichts kaufen können oder wollen, sind nichts wert.

»Wenn man es ganz bis zum Schluss denkt, werden die Massen noch nicht einmal in einem Feudalismus aufwachen, wenn die Dampfwalzen der Globalisierung und Digitalisierung über die Sozialsysteme, das Wahlrecht und letztlich auch den Garanten all dessen – den Nationalstaat! – hinweggefegt sind.«

Naja… kommt drauf an.

Wenn wir jetzt, in absehbarer Zukunft, ein Grundeinkommen bekämen, das den Lebensbedarf auch wirklich deckt, kann es passieren, dass die Menschen sich in der neu gewonnenen Freiheit tatsächlich der wirklich wichtigen Werte besinnen und das System zum Teufel jagen oder einfach ohne das System und neben ihm ein besseres starten und dieses dann das bestehende verdrängt – möglicherweise sogar friedlich…

Aber es kann auch sein, dass die Menschen sich vom Grundeinkommen einlullen lassen und jede Entscheidungsfindung komplett aus der Hand geben.

In diesem Fall werden wir erleben, dass die Übriggebliebenen von den Mächtigen tatsächlich unversorgt links liegen gelassen oder sogar aktiv vernichtet werden – spätestens, wenn die Mächtigen sich mittels Automation selbst versorgen können.

»Man kann nicht früh genug anfangen, sich dagegen zu wehren! Und dieser Kampf kann nicht ernsthaft von Milliardären und multinationalen, gigantischen Konzernen geführt werden. Wer sich auf diese verlässt, wird verlassen sein und sich den politischen Schneid und letztlich auch seine Würde für 1.000 Euro Grundeinkommen abkaufen lassen.
Die Wahrheit ist auch hier komplizierter, als die Versprechen von der „schönen neuen Grundeinkommens-Welt“ suggerieren.«

Ein nicht wirklich dummes Fazit. Das kann man im Groben so stehen lassen.

Viele Grüße
Detlef Jahn

Ein Gedanke zu „Replik auf: Bedingungsloses Grundeinkommen: Warum Superreiche es wollen – und Armutsforscher nicht“

  1. Also denkt darüber nach, was Ihr tun wollt, wenn Ihr nicht mehr ums Einkommen bangen müsst. Fangt an zu imaginieren, wie Ihr – langsam aufwachende Bürger – Euer Leben gestalten mögt – neben Aufgaben, die Ihr bisher freiwillig ohne Bezahlung für den sozialen Kitt übernommen habt. Es könnte schon ein bisschen mehr Freude machen – oder nicht? Nun ja das gelingt Euch, wenn Ihr aufhört Vorurteile von Jedem gegen Jeden vor Euch her zu tragen, um Recht haben zu wollen, oder Grund zu finden der Bessere zu sein – oder zu streiten. Ich kann Euch versichern, ich übe da schon seit 25 Jahren und freue mich total, wenn ich Leuten begegne, die an diesem Strick ziehen, aber es sind leider erst wenige. Fangt mal an mit Imaginations-Übungen (Visionen) in entspanntem Zustand – oder vielleicht sogar mit Meditation oder Spaziergängen in Ruhe (achtet da auf wachsende Intuition) anstatt Auszuruhen vor dem sogenannten „Fenster zur Welt“, welches leider nicht durch ausgewählte Informationen von Euch beschickt wird, sondern fremden Interessen folgt. Das heisst, es entstehen dort kaum eigene sinngebende Anregungen. Ladet vielleicht die Kinder ein zum Fantasieren – sie sind noch weniger verbildet – nehmt sie ernst.

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