Antwort auf: Mythos Schuldgeld – Warum das Geldsystem nicht das Problem ist

Hier kommt nun der erste Artikel, der sich nicht direkt mit dem bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt, sondern eher in Richtung Geldsystem und Geldkritik zielt.

Ich möchte auf den zentralen Teil eines Artikels antworten, den Jörg Gastmann geschrieben hat und der hier zu finden ist: https://www.bandbreitenmodell.de/mythos-schuldgeld/.
Im dortigen Abschnitt 3 heißt es:

3. Falsche Behauptung: „Geld kann nicht erwirtschaftet werden“

Wenn Sie in einer Diskussion mit Geldsystemkritikern mit der Behauptung konfrontiert werden, man könne Geld nie erwirtschaften, ohne daß jemand Schulden macht, stellen Sie doch einfach mal drei Fragen:

  1. Wenn jemand als Angestellter oder Unternehmer arbeitet oder z.B. ein Buch verkauft und dafür Geld erhält – wer macht dann bei ihm Schulden, warum überhaupt, und warum in gleicher Höhe? Wie genau soll dieser „zwangsläufige Mechanismus“ funktionieren?
  2. Wenn ich meinem Kind Taschengeld schenke, hat es dann Schulden bei mir oder ich bei ihm und wenn ja, warum?
  3. Wenn die EZB und die FED zusätzliches Geld in Umlauf bringen, indem sie Staatsanleihen aufkaufen – wer genau hat dadurch bei wem zusätzliche Schulden?

So lange niemand erklären kann, warum es unmöglich sein soll, Geld zu erwirtschaften, kann man nur davon ausgehen, daß die These nicht durchdacht ist.

Nun ja…
Die gestellten Fragen sind nicht unbedingt die bestgeeignetsten.

  1. Die Schulden stecken im Buch selbst, denn die Maschinen, auf denen es produziert wurde, sind meist kreditfinanziert, enthalten also mindestens die Zinsen für den Kredit und den Kredit selbst als Schuld (bis der Kredit und damit die Maschine abbezahlt ist). Das Buch ist also nur dann schuldfrei, wenn es auf einer abbezahlten Maschine hergestellt wurde. Gleiches gilt für den gesamten Weg aus dem Kopf des Autors heraus bis hin zum Verkaufsvorgang. Und zu beachten sind alle Schulden, die der Autor vielleicht (auch indirekt) aufnehmen musste, um das Buch aus seinem Kopf heraus in die tatsächliche Existenz zu bringen. In der heutigen Welt das Buch völlig schuldenfrei an den Käufer zu bringen, ist also überhaupt nur sehr theoretisch möglich, aber praktisch so gut wie ausgeschlossen.
  2. Wenn du deinem Kind Geld schenkst, ist zu fragen, woher das Geld kommt, denn du hast es ja nicht erzeugt, denn das darfst du nicht. Du kannst es also z. B. »erarbeitet« haben. Okay – aber ist es deshalb schuldenfrei? Oder hat derjenige, der dir den Lohn gezahlt hat, vielleicht Schulden gemacht, um dir deine Arbeit zu ermöglichen und um dir den Lohn zahlen zu können?
    Für die Nutzbarkeit und Existenz des Geldes in deiner oder der Hand deines Kindes und seiner Schuldenbehaftung oder -freiheit besteht also gar kein Zusammenhang. Es kann schuldenfrei sein. Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es das nicht sein.
    Dass vielleicht du und dein Kind selbst keine Schulden haben, ist unerheblich, weil die Schulden, die dem Geld anhaften dann jemand anders bei jemand anderem abtragen muss. Z. B. dein Chef, der es dir als Lohn gezahlt hat, bei seiner Bank oder derjenige, der es deinem Chef gegeben hat, bei dessen Bank.
  3. Wenn die EZB Schuldscheine (hier: Staatsanleihen) aufkauft, hat der Schuldner (hier: der jeweilige Staat) die Schulden dann bei der EZB.
    Das ist nun aber mal ganz simpel… !

Geld kann nicht »erwirtschaftet« werden, sondern nur geschöpft, erzeugt, hergestellt. Der Teil, dem das Anwachsen der Geldmenge unterstellt wird, ist der Teil, den der Gläubiger mehr zurück haben will, als er verliehen hat – der Zins. Dieser erhöht nicht die Geldmenge, denn die ist gleich geblieben und nur in Höhe des Kredites vom Gläubiger zum Schuldner gewandert. Der Zins existiert nicht als Geld – er ist nur virtuelle Forderung.

Es wird vielleicht ein Wert geschaffen durch die Arbeitsleistung eines Menschen oder heute einer Maschine, aber es entsteht durch die Leistung kein zusätzliches Geld. Es kann kein Geld »erwirtschaftet« werden. Es kann einer nur mehr haben, wenn ein anderer weniger behält.

Wenn du hundert Geldeinheiten in die Wirtschaft gibst, bleiben es hundert Einheiten, egal, wie oft du sie in der Wirtschaft hin und her schiebst. Durch das Wirtschaften entsteht kein zusätzliches Geld.

Maximal könnte ein zusätzlicher Wert entstehen, aber nur, wenn vorher alle durch die Leistung verursachten Schäden ausgeglichen und alle Kosten der Leistungserbringung und des Materials bezahlt sind und dann darüber hinaus noch Wert aus der Leistung übrig bleibt.

Diesen Wert kann man dann durch zusätzliche Geldschöpfung »bewerten« und in den Kreislauf der Wirtschaft schicken, um wieder neue und vielleicht etwas höhere Leistung zu erzielen. Dadurch kann wiederum mehr Wert entstehen und dieser Wert kann durch eine steigende Geldmenge dargestellt und manifestiert werden, aber durch das Wirtschaften selbst entsteht kein neues Geld.

Nur indirekt kann eine zusätzliche Geldmenge als Folge des Wirtschaftens entstehen, aber nicht als direktes Ergebnis des Wirtschaftens selbst.

Wenn ich nämlich z. B. durch die Leistung essbaren Wert schaffe und der verschnabuliert ist, ist er wieder weg und dann habe ich nichts mehr, wo der Wert als Geldmenge darstellbar wäre – das wiederum wäre dann ein Geldüberschuss, der Inflation bewirkt → Geld, das vorhanden ist und keinen realen Gegenwert hat.

Das Einzige, was tatsächlich falsch ist, ist die Gleichsetzung Geld = Schulden.

Korrekt heißt es: Zins erzeugt höhere Schulden, als Geld vorhanden ist. Denn der Zins und der Zinseszins verhindern, dass »die Schuld« aus der Welt geschafft werden kann.

Es ist auch falsch, zu behaupten, dass alles Geld aus der Welt verschwände, wenn alle Schulden getilgt worden sind.

Lediglich die Zinsbeträge würden verschwinden. Weil jedoch die Zinsen und Zinseszinsen bei weitem alle realen Werte übersteigen, ist es gar nicht möglich, alle Schulden zu tilgen.

Nur ein Verzicht der Gläubiger auf den Zins kann ermöglichen, die globale Schuld zu tilgen.

Nicht das Geld, sondern der Zins ist die Wurzel allen Übels.

Und der Ursprung des Zinses liegt im Privateigentum von natürlichen Ressourcen, wie Boden, Wasser, Luft, Lebewesen und Bodenschätzen.

Der erste, der einen Pflock einschlug, einen Zaun setzte oder einen Graben zog und sagte: »Meins!«, hat den Zins begründet und den Samen der Zerstörung unserer Menschlichkeit gelegt.

Ich freue mich auf sinnvolle Diskussion – bitte, geehrter Leser, hinterlasse einen Kommentar.

Viele Grüße
Detlef Jahn

 

2 Gedanken zu „Antwort auf: Mythos Schuldgeld – Warum das Geldsystem nicht das Problem ist“

  1. „Weil jedoch die Zinsen und Zinseszinsen bei weitem alle realen Werte übersteigen, ist es gar nicht möglich, alle Schulden zu tilgen.“

    Im Schuldgeldsystem wird Geldschöpfung auch durch neue Schuldaufname (Kredit) geschöpft, nicht durch den angehängten Zins direkt, wobei der Teil davon ist. Im Wachstumskapitalismums steigt die Schuldenmenge und Geldmenge durch die Neuaufnahme und Erweiterung von Schuldenständen, und fast alles Bruttoinlandswachstum läuft auch auf Schuldenaufnahme hin.

    Wobei heute Zinsen historisch niedrig sind weil die Privatwirtschaft an einem Punkt ist, wo neues Schuldgeld nicht genügend an die breite Masse weitergegeben wird, insofern die Nachfrage immer weniger dazu befähigt, neue Schulden aufzunehmen. Wenn Zinsen nicht niedrig sind, dann ist das so, weil so viel neue Schuldgeldschöpfung in der Privatwirtschaft stattfindet, dass man leicht da was von bekommen kann, statt EZB Schulden mehren zu müssen (was heute darauf hinausläuft, dass wirklich vornehmlich nur der Zins das Geldmengenwachstum antreibt).

    Durch derartige Aufnahme von Schuld wird der Zins und Zinseszins quasi in Schach gehalten, weil man einfach mehr neue Schulden direkt aufnimmt, als Unternehmen mit ner Idee die sich eignet, weniger Kosten in Produktion zu verursachen als andere Unternehmen, insofern mehr Geld frei ist im Vergleich, um höhere Löhne zu zahlen (und somit die knappen Arbeiter zu bekommen) und höhere Zinszahlungen zu stämmen. Und ein Teil des Kreditgeldes wird eben an die breite Masse weitergegeben. Ein größerer Teil, als wenn die EZB nur Zinsen garantiert. (Da könnte man argumentieren, dass die EZB in der Verantwortung ist nicht nur Zinsen zu garantieren, sondern auch die Menschen ohne Landeigentum zu beschenken.)

    Ist natürlich ein fragwürdigest Konstrukt für alle die sich nicht schuldlos verschulden wollen, um das Land nutzen zu können, aber so funktioniert Wachstumskapitalismus. Durch Neuaufnahme und Erweiterung von Schulden wird dort vornehmlich neues Geld geschöpft. Im Idealfall wird der Arbeiter an dem neuen Schuldgeld ordentlich mitbeteiligt, neben dem Eigentümer der die Zinsen
    bekommt.

    Wenn Zinsen nicht bezahlbar sind, wird Geld übrigens ‚erlöst‘ vom Zins, mit dem Mittel der Insolvenz. Denn das Geld ist bereits im Umlauf, durch Arbeitereinkommen, welches über den Kredit geschaffen wurde und auch schon von Arbeitern ausgegeben wurde teils.

    Also ich sehe die Kritik an dem System vor allem da zu üben, wo Menschen unverschuldet Schulden aufnehmen müssen, um teilzuhaben (oder für Menschen arbeiten müssen die gewillt sind das zu tun), aber ansonnsten ist das System relativ stimmig, sollage Schuldenschnitte praktiziert werden. Wobei „too-big-to-fail“ so nen Begriff ist, an dem man auch Kritik üben kann, Thema EZB Rettungsaktionen. Da würden die Zinsen gerettet, aber nicht die Geldschöpfung für die ‚Arbeiter/unternehmer‘, die ansonnsten immer einhergeht mit Schuldgeldschöpfung.

    Addressiert aber nicht das grundsätzliche Problem, dass Landeigentum, ökonomischen Chancen, stark konzentriert sind, und Zugriff darauf nur durch Schuldaufnahme bei den Eigentümern verfügbar wird, für den angeblich freien Menschen.

    „Nur ein Verzicht der Gläubiger auf den Zins kann ermöglichen, die globale Schuld zu tilgen.“

    (Gehebelter) Kredit schöpft weiterhin Schuldgeld, auch wenn Gläubiger keinen Anteil daran erheben, warum auch immer.

    „Nicht das Geld, sondern der Zins ist die Wurzel allen Übels.“

    Das Zugang zu Land nur über Bittstellertum, Schuldaufnahme, bei Eigentümern geht, Eigentümer denen wir als Individuuen nicht mehr oder weniger schulden als zufälligen anderen Menschen, das ist das Problem.

    Das Problem ist Landeigentum und vorteilhafte Verteilung ökonomischer Chancen, das fängt schon beim guten Namen eines Publishers an, in zeiten des Netzwerkeffekts und Skaleneffekts.

    „Der erste, der einen Pflock einschlug, einen Zaun setzte oder einen Graben zog und sagte: »Meins!«, hat den Zins begründet und den Samen der Zerstörung unserer Menschlichkeit gelegt.“

    Auch geleistete Arbeit wird oft herangezogen als Rechtfertigung für Zins. Kapital ist auch arbeitsbezogen. Das Problem ist, dass der der am meisten leidet unter den Bedingungen der Arbeit, oder am wenigsten Wertschätzt, was sich umzäunen lässt, der bekommt am Ende alles was sich umzäunen lässt, einfach wegen der subjektiven Marktlogik, also Kompensation für größtes Leid, Resultat erbittertestes Verlangens, Resultat geringster Wertung von allem was man nicht selbst schon besitzt. Der der den Anderen am meisten gönnt, der fordert und erhält weniger. Pure
    Marktlogik belohnt Selbstmitleid und bestraft Mitgefühl. Würde behaupten, dass der Markt auch sinnvoll ist stellenweise, aber die graduelle Ansamlung bei Wenigen, von Allem was wir brauchen um teilzuhaben am Land und der Gemeinschaft, ist nicht vertretbar.

    Solange Menschen für Arbeit kompensiert werden wollen, wird es Schuld geben, aber wir können durchaus auch einen großen Teil des Landzugriffes mit schuldfreier Geldschöpfung (und Stellenweise auch mit Commons/Allmende Modellen) regeln. Da sehe ich Chancen!

  2. Kleiner Nachtrag: Natürlich ist das Konzept des Zinses und des Zinseszinses und des endlosen Wachsens der Geldmenge nicht unbedingt ideal wie schon angedeutet. Umlaufgesicherte Währungen erscheinen mir da interessant als Alternative. Wobei das Thema Landeigentum dann immernoch zu bedenken ist.

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