04: Der schwer überwindbare Tellerrand und die Gaffer

Im Artikel »Freiheit und Angst und das BGE« habe ich angerissen, dass unsere frühe Geschichte uns antrainiert hat, dass wir einen relativ engen Verständniskreis haben – den wir immer noch spüren und heute als ›Tellerrand‹ bezeichnen, über den wir schwer hinausdenken können.

Gefahren, die außerhalb unseres direkten, von uns unmittelbar erlebten Umfelds liegen, können wir nicht wahrnehmen und sind deshalb sehr theoretisch und abstrakt. Und abstrakte, theoretische Gefahren sind nicht unmittelbar oder bedrohen uns selbst überhaupt nicht. Unser Instinktsystem, das ja leider noch sehr aktiv ist, regt daher keinen Finger bei solchen entfernten Gefahren. Nun besteht das Leben und die Umwelt ja nicht nur aus Gefahren, sondern auch aus Vorteilen und Verlockungen, seien sie real oder eingebildet. Überall und andauernd strecken uns Schlangen einen Apfel entgegen. Diesmal reagiert unser Instinkt aber: wir ziehen los, die Versuchung zur schmackhaften Realität werden zu lassen. Blöd nur, wenn wir dafür jemanden überwinden müssen, der gleichgerichtete Interessen verfolgt. Dann kommt es darauf an, aus welchem Holz wir geschnitzt sind und können uns entweder durchsetzen und uns den begehrten Schatz aneignen oder wir geben klein bei und reden uns schön, dass die Trauben sowieso zu sauer sind. So ist die Konkurrenz entstanden.

Das gefällt natürlich den Anhängern des Sozialdarwinismus, die die Konkurrenz als hauptsächlichen Antrieb der Evolution sehen und dies als Begründung für die Alternativlosigkeit des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes nutzen, weil man diesen evolutionären Faktor nicht ändern kann: »der Mensch ist eben so«.

Hier liegt übrigens auch der Grund, weshalb die Gaffer so unausrottbar sind. Übrigens gab es die schon immer, nur hat uns das Internet ermöglicht, immer und überall gaffen zu können und die Mobilfunktelefonkamera ermöglicht uns, die gemachten Aufnahmen mit Hilfe des im Mobilfunktelefon eingebauten Internets sofort mit allen zu teilen, die mit dem in ihrem Mobilfunktelefon eingebauten Internet über das Mobilfunktelefonfunknetz mit dem in unserem Mobilfunktelefon eingebauten Internet verbunden sind, so, wie man einen Kuchen mit Gästen teilt. Mit Feuereifer wird nun daran gearbeitet, das Gegaffe einzudämmen und die Gaffer werden kriminalisiert. Dabei liegt der Fehler woanders, aber das werde ich mal bei anderer Gelegenheit näher beleuchten, weil es mich hier zu weit vom Thema wegführt. Erinnere mich daran, falls ich es langfristig vergessen sollte. Wo wollte ich hin… Das Gaffen hat einen Lernfaktor, der sehr wichtig für uns ist. Wir lernen aus dem Elend Anderer, solches künftig von uns abwenden zu können und beim Gaffen bei positiven Ereignissen versuchen wir zu erfahren, wie wir uns ebenfalls solchen Vorteil verschaffen könnten. Wir gaffen ja immer: beim fetten Unfall, beim Ausrutschen anderer Leute bei Glatteis, wenn ein Fahrzeug mit Sondersignal vorüberfährt oder ein Kind auf dem Spielplatz von seinen strengen Eltern gemaßregelt wird, auf Arbeit gaffen wir akustisch beim Flurfunk und in der Nachbarschaft beim Buschfunk. Aus beobachteten und gehörten Erlebnissen Anderer lernen wir viel über Gefahren und Genuss und können dann unsere Verhaltensweise auf künftige Möglichkeiten einstellen und so unsere Chancen verbessern, uns Vorteile zu verschaffen oder Gefahren zu überwinden.

Und was zum Geier hat das jetzt mit dem blöden Tellerrand und mit dem BGE zu tun? Geduld, liebe/r Leser/in, Geduld.

Weil wir unserer direkten Lebenswelt verbunden sind, interessiert uns zwar, was woanders passiert, aber nur mit dem Gaffer-Faktor, weil wir mit diesem erworbenen Wissen in unserem Umfeld Vorteile erlangen wollen. Wir reflektieren nicht in die andere Richtung – was bedeutet mein Handeln für Menschen in anderen Gegenden, die außerhalb meiner unmittelbaren Welt liegen: »Was geht mich das Elend anderer Leute an?!« – schon in diesem Spruch sieht man den Widerspruch in unserer Sichtweise: einerseits ist für uns das Leben woanders wichtig, weil wir daraus lernen können und andererseits ist uns die andere Welt da draußen schnurz, weil wir hier leben und nicht dort.

Dieses Sichtweise war auch in Ordnung, so lange es geruhsam auf unserem Planeten zuging. Mittlerweile hat unser Handeln hier aber unmittelbaren Einfluss auf die Lebenswelten Anderer und die Ereignisse in anderen Gegenden wirken auf uns hier. Eigentlich war das schon immer so, aber die Auswirkungen waren in früheren Zeiten vernachlässigbar gering. Und heute sind sie es nicht mehr.

Schon Siddhartha Gautama (Buddha) hat erkannt und gelehrt: Alles hängt mit Allem zusammen und beeinflusst sich.

Und nun haben wir auf der einen Seite einen alten Funktionsmechanismus, der entfernte Ereignisse schwer wahrnehmen kann und andererseits Handlungsbedarf, der im kleinen Lebensumfeld scheinbar nicht oder nur schwer umsetzbar ist, aber im großen Maßstab sinnvoll ist. Das ist schwer zu vermitteln, weil dazu eine starke Vorstellungskraft nötig ist, die vielen Menschen fehlt. Sie verbrauchen so viel Kraft und Zeit damit, für den Lebensunterhalt zu sorgen, dass keine Energie übrig ist, sich mit gesellschaftlichen Fragen zu befassen, die noch dazu noch nicht erlebt wurden, die also nicht durch Gaffen erfahren werden können. Dagegen ist das Bestehende bekannt und vertraut und wird deshalb verteidigt: hier bleibe ich, hier kenne ich mich aus. Die Umstände müssen schon extrem sein, damit eine Mehrheit einen tiefgreifenden Wechsel will und fordert und umsetzt. Hier ist wieder eine Gelegenheit für ein erhellendes Zitat eines klugen Menschen.

Wenn man sich (was man als Therapeut ja tun muss) mit Problemen und Problemlösungen befasst. …und wenn man willens ist, an menschliche Probleme nicht bereits mit den Scheuklappen einer bestimmten Theorie heranzugehen, dann fällt einem unschwer auf, dass Mensch wie Tier die fatale Eigenschaft hat, an einmal erarbeiteten, einmal gefundenen Lösungen stur festzuhalten – und zwar auch dann, wenn die Umweltbedingungen sich schon soweit geändert haben, dass die Lösungen – die einmal möglicherweise die besten, vielleicht die einzig möglichen waren – nicht mehr zutreffen. Und dass auf diese Weise dann die Lösung zum Problem wird.
Warum das so ist, darüber lässt sich sehr viel streiten und spekulieren. Ich weiß es nicht. Ich muss nur annehmen, dass die Ökonomie des Verhaltens Mensch wie Tier dazu bringt, eben an dem festzuhalten, was sich einmal als erfolgreich – zumindest als adäquat erwiesen hat.
Man kann die Welt ja auch nicht jeden Tag neu erfinden […]
Das steht fest.
Andererseits steht es eben aber auch fest, dass gerade diese einmal erarbeiteten Lösungen auch fatale Wirkungen haben können.

(Paul Watzlawick, österreichischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Soziologe, Philosoph und Autor)

Aus diesen Gründen ist es schwer, neue Ideen zu etablieren und umzusetzen, denn etwas Neues zu probieren, bedeutet, auf die Sicherheit des Gewohnten, des Bekannten zu verzichten und sich auf Unsicherheit des Unbekannten einzulassen. Da muss schon individuell eine ordentliche Portion Fantasie und Forscherdrang oder bei größeren Gruppen ein gehöriger Leidensdruck vorhanden sein, damit man sich auf ein Risiko einlässt. Und genau das wissen die, die über uns entscheiden, meistens über uns hinweg, und nutzen das für Ihre Propaganda. Und das ist auch der Grund, weshalb das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) gerade und erst recht aus den Reihen derjenigen, die zu den Gewinnern eines BGE gehören würden, so vehemente Ablehnung erfährt. Auch das werde ich in einem späteren Artikel etwas ausführlicher beleuchten.

Aber welchen Vorteil hätten wir denn nun, wenn wir uns auf das Abenteuer BGE einlassen würden? Naja, wie bereits ausgeführt, verlieren wir ein gut Teil Angst. Wir finden leichter Zugang zu positiver Bestätigung, weil wir unser Tun nach unseren Neigungen und Fähigkeiten ausrichten und weil wir uns besser unseren Mitmenschen zuwenden können und diese sich uns. Und wenn wir nicht mehr so hart um unseren Lebensunterhalt kämpfen müssen, sind wir entspannter unserer Umwelt gegenüber, was Konflikte aller Art mildert oder sogar ganz verhindert und wir haben mehr Zeit und Kraft, uns mit Fragen zu befassen, die über unseren Tellerrand hinausgehen. Und damit besteht die reale Chance, unseren Planeten so zu bewahren, dass uns das Weiterleben, vor allem das friedliche, auch langfristig möglich sein wird.

Für die Erde ist es bedeutungslos, ob wir das, was wir ›Umwelt‹ nennen, zerstören und erst recht, ob wir weiterleben. Wenn die Existenz des Menschen als eine kurze Episode der Naturgeschichte unseres Planeten vorüber ist, wird ›die Natur‹ einfach ein neues Experiment starten. Wenn wir am Leben bleiben wollen, müssen wir uns das verdienen. Auch dafür ist das BGE eine tolle Sache, aber dazu später mehr. Für heute soll es das erst einmal gewesen sein. Ich bedanke mich für Deine Aufmerksamkeit und Geduld. Bitte lass mich an Deinen Gedanken hierzu teilhaben und schreibe einen Kommentar – vielen Dank dafür.

Viele Grüße
Detlef Jahn

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